Technik-Kästen mitten auf dem Gehweg, kreuz und quer gespannte Kabel zu den Autos auf der Fahrbahn: Mit der geplanten Million Ladesäulen droht nach den E-Rollern der nächste Angriff auf die Mobilität der Menschen zu Fuß.

Zunächst: Energie fürs Auto zu beziehen, ist Privatsache. Tanksäulen stehen auch nicht auf der Straße herum, auch das Elektro-"Tanken" gehört in Tankstellen, Tiefgaragen und auf Privatgelände. FUSS e.V. lehnt es ab, dass dafür Gehwege weiter eingeengt werden und beim Überqueren von Fahrbahnen stolperträchtige Kabel im Weg hängen.

Nur wenige Kommunalpolitiker wehren sich dagegen - so mit begrüßenswerter Klarheit Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, der auf der IAA-Automesse in Frankfurt im September 2019 sagte: "Ich grabe nicht ganz Tübingen um, damit Sie Ihre Ladesäulen kriegen." Viele andere sind dagegen bereit, ihren Raum wegzugeben. Und gibt keine bundesweiten Regeln, die Gehende vor einem Wildwuchs an Ladetechnik schützen.

Kommunale Regeln reichen oft nicht - zum Beispiel in Berlin. Die Hauptstadt verlangt in ihrem „Leitfaden Ladeinfrastrukturentwicklung“ von 2014, dass Ladesäulen nicht an der Bordsteinkante, sondern tief in den Gehweg eingerückt werden – je nach Parkplatz-Anordnung bis zu 75 Zentimeter von der Fahrbahn entfernt. Im Leitfaden heißt es dann zwar „Für zu Fuß Gehende müssen genügend breite Gehbahnen vorgehalten werden“. Aber was „genügend breit“ ist, wird in Berlin nicht verbindlich geregelt.



Geht doch: Ladesäulen in Paris verschonen den Bürgersteig.


Auch Wien hat den passenden Ort.

Kneipen und Cafés dürfen in der Stadt teils legal den Gehweg bis auf einen 80 Zentimeter schmalen Schlauch vollstellen. Das droht jetzt auch bei Ladesäulen. Technik, Kommerz und Reklame werden präziser geschützt als Fußgänger: Zu „Verteilerkästen, Briefkästen, Postboxen, Litfaßsäulen, Werbetafeln und Ähnlichem soll ein genügender seitlicher Abstand von nicht weniger als 100 cm eingehalten werden“.

Ladesäulen sind für Fahrzeuge da; Flächenraub vom engen Raum der Fußgänger ist durch nichts gerechtfertigt. Die Fahrbahnen und Parkstreifen nehmen den größten Teil des Straßenraums ein. Wenn also Ladesäulen im öffentlichen Raum, dann allenfalls hier. Dass dies möglich ist, zeigen Paris und Wien. Paris investiert massiv in Ladesäulen, weil ab 2030 Verbrenner verboten sind. Die Säulen stehen hier und in Wien jedoch nicht auf den Gehwegen, sondern auf dem Parkstreifen zwischen den Fahrzeugen.