Weserkurier 13.08.2026

Wegen Gefahr durch Elterntaxis

Modellversuch gegen Elterntaxis

Straßen vor vier Bremer Schulen werden nach den Herbstferien testweise gesperrt

Ab Ende Oktober sollen drei Bremer Grundschulen sowie eine angrenzende weiterführende Schule zu ihren Anfangs- und Endzeiten nicht mehr per Auto zu erreichen sein. An den besagten Schulen entstehen testweise sogenannte Schulstraßen. So werden Straßen genannt, die zum Start und Ende eines Schultages auf einem Abschnitt rund um die Schule je 30 Minuten lang für Kraftfahrzeuge gesperrt werden. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler, die zu Fuß, mit dem Roller oder dem Fahrrad zur Schule kommen, vor den Gefahren durch den Verkehr von Elterntaxis zu schützen.

Teilnehmer sind die Grundschule am Baumschulenweg in Schwachhausen, in Hemelingen die Grundschule an der Parsevalstraße und die angrenzende Oberschule Sebaldsbrück sowie die Grundschule an der Melanchthonstraße in Walle. Angestrebter Starttermin ist die Woche nach den Herbstferien, wie aus einer Vorlage der städtischen Verkehrsdeputation für die Sitzung am Donnerstag hervorgeht. Bis Ende des Schuljahres 2026/2027 soll der Versuch andauern.

Lars Beulke, Leiter der Grundschule am Baumschulenweg mit 420 Schülern setzt sich seit Jahren für das Schulstraßenmodell ein. „Unsere Schulleitung, das Kollegium und der größte Teil der Eltern begrüßen das. Es vergrößert die Sicherheit der Kinder.“ Das Verfahren sorge dafür, dass Eltern nicht mehr quasi „in die Schule reinfahren“ könnten.

Zwar habe die Grundschule selbst drei Treffpunkte in der Nähe geschaffen, wo Eltern ihre Kinder absetzen und aufnehmen könnten, doch das reiche bei Weitem nicht aus, um das Autoaufkommen beim täglichen Schulanfang und -ende zu verringern. Darüber hinaus habe es eine soziale Komponente, wenn Kinder mit anderen Kindern zur Schule kämen. Für einen gemeinsamen Schulweg gibt es zum Beispiel das an vielen Grundschulen etablierte Projekt Schulexpress, bei dem sich Kinder an einer Sammelstelle treffen, um gemeinsam zur Schule zu gehen.

Kaum Schulstraßen in Deutschland

In Deutschland sind Schulstraßen, die übrigens kein offizieller Begriff der Straßenverkehrsordnung sind, bislang kaum verbreitet und stecken oftmals noch im Versuchsstadium. Laut dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) gibt es in Köln vier permanente Schulstraßen, in Leipzig drei. In Bonn, Dortmund, Berlin sowie in Kommunen in Baden-Württemberg laufen Versuche. In europäischen Metropolen und Großstädten sind Schulstraßen bereits weiter verbreitet. Laut VCD gibt es im Großraum London 525 von ihnen, in Paris 125, im Großraum Brüssel mehr als 55 und in Antwerpen 46.

Bevor der Modellversuch in Bremen startet, ist unter anderem noch festzulegen, wo und zu welchen Uhrzeiten die Sperrung um die jeweiligen Schulen gelten soll. Auch Orte für sogenannte „Kiss & Ride“-Plätze außerhalb des gesperrten Bereichs, an denen Kinder ein- und aussteigen können, sind zu klären. Offen ist auch, ob die vorgesehene Beschilderung für die Einhaltung des Einfahrverbots ausreicht. Falls nicht, könnten laut Verkehrsressort etwa per Hand zu bedienende Absperrschrankengitter zum Einsatz kommen. Deren Betrieb und Unterhaltung sei allerdings mit dem Bildungsressort zu klären.

Auslöser für den Bremer Schulstraßenversuch sind die Stadtteilparlamente. Die Beirätekonferenz hatte im September einen Antrag an die Stadtbürgerschaft gestellt, einen Modellversuch mit wenigstens drei Schulstraßen für mindestens ein Jahr zu starten. Jens Dennhardt (SPD), Mitglied im Beirat Hemelingen, sagt, die Situation von Bring- und Abholverkehren an vielen Schulen sei „oft als unsicher und insgesamt unbefriedigend“ wahrgenommen worden. Es freut ihn, dass die Grundschule an der Parsevalstraße und die Oberschule Sebaldsbrück bei dem Modellversuch dabei sind.

Nach Einschätzung von Ralph Saxe, der für die Grünen in der Verkehrsdeputation sitzt, seien Schulstraßen „ein sehr gutes Mittel“, um gegen Elterntaxis vorzugehen. Michael Jonitz, verkehrspolitischer Sprecher der CDU in der Bürgerschaft, begrüßt das Projekt als Vorgehen gegen Elterntaxis ebenfalls. In Sachen Sicherheitsgewinn schränkt er aber ein: „Statt die Kinder weiter in Watte zu packen, wäre meiner Ansicht nach der richtigere Weg, Kinder vernünftig für den Verkehr zu erziehen und sie für Gefahren zu sensibilisieren.“

Oyten war Vorreiter

Als bundesweiter Vorreiter ist Bremens Nachbargemeinde Oyten schon 2020 gegen Elterntaxis vorgegangen. Am dortigen Schulzentrum Pestalozzistraße hat man Schranken installiert, um Autofahrer zu Stoßzeiten abzuhalten. „Nach sechs Jahren Betrieb zieht die Gemeinde insgesamt ein positives Fazit“, sagt Sebastian Oetting, Fachbereichsleiter Personal- und Bürgerservice. Das Ziel, Elterntaxis weitgehend von der Schule fernzuhalten, sei erreicht worden. Die Praxis habe aber auch gezeigt, dass eine technische Lösung allein nicht ausreiche. Noch immer würden einzelne Verkehrsteilnehmer versuchen, die Regelungen zu umgehen. „Daher bleibt eine begleitende Kontrolle durch den Kommunalen Ordnungsdienst wichtig, um die Akzeptanz der Maßnahme zu sichern und die Verkehrssicherheit dauerhaft zu gewährleisten.“

13.08.26