Fahrradclub und FUSS: Schluss mit Gehwegradeln!
Die Berliner Landesverbände von ADFC und FUSS haben ein gemeinsames Papier erstellt, dass sich kritisch mit illegalem Gehweg-Radfahren auseinandersetzt. Der Grundtenor: Gegenseitiger Respekt funktioniert nur mit getrennten Wegen.
Manche Radfahrende unterscheiden im Alltag nicht zwischen Fahrbahn, Radweg und Gehweg und lenken ihr Gefährt nach dem Motto: Wo man technisch fahren kann, da macht man es eben. Das bringt wachsende Probleme für die Verkehrswende: Unsicherheit und Gefahr für die führende Mobilitätsform Gehen, allgemein sinkende Akzeptanz für das Radfahren und weniger Druck auf den Ausbau von Rad-Infra, wenn diese ihre Probleme scheinbar durch Gehweg-Fahren lösen. Der ADFC und wir wollen aber die Verkehrswende fördern, wollen auf heutigem Fahrbahn-Raum dem Rad gute Bedingungen geben und uns nicht von Regelbrechern spalten und schwächen lassen. Darum haben wir im März 2026 das folgende gemeinsame Papier verabschiedet:
Gemeinsam für getrennte Wege
Berlin wächst. Immer mehr Menschen leben, arbeiten und bewegen sich in dieser Stadt. Fuß- und Radverkehr haben stark zugenommen – eine positive Entwicklung für Klima, Gesundheit und die lebenswerte Stadt.
Doch mit dem Wachstum der Stadt und des Verkehrs wird es auf den Straßen immer enger, denn die Verkehrspolitik hinkt hinterher. Statt den Menschen zu Fuß, auf dem Rad und in Bus und Bahn Platz zu verschaffen, werden sie durch eine Auto-zentrierte Verkehrspolitik an den Rand gedrängt. Dabei wird auch das Radfahren auf Gehwegen zum Problem: zum Ausweichen vor Autoverkehr oder schlechtem Pflaster, zum Abkürzen, für die ersten oder letzten Meter – oder gleich auf ganzen Strecken. Manchen Radfahrenden erscheint es selbstverständlich, den Gehweg mitzunutzen. Doch Radfahren auf Gehwegen ist in der Regel verboten und schränkt Menschen zu Fuß in ihrem Sicherheitsgefühl ein. Zulässig ist das Gehwegfahren nur für Kinder ggf. mit Begleitperson, auf freigegebenen Gehwegen (im Schritttempo), sowie auf ausgeschilderten „gemeinsamen“ Wegen.
Gemeinsam für sichere Mobilität
Zu Fuß Gehende wie auch Radfahrende sind besonders vulnerable Gruppen im Straßenverkehr. Beide eint das Interesse an sicher gestalteten Verkehrsflächen und einer Mobilität, die niemanden gefährdet und ausschließt. Statt gegeneinander zu agieren, stehen wir gemeinsam für sichere Mobilität aller ein und setzen uns für Lösungen ein, die Schutz bieten, Konflikte vermeiden und den Straßenraum gerechter verteilen.
Wir wollen miteinander dafür kämpfen, dass Menschen zu Fuß und auf dem Rad sicher und gut unterwegs sein können. Der Platzbedarf dafür muss aus dem überreichlichen Autoraum gedeckt werden, nicht auf gegenseitige Kosten.
Unsere Einigkeit drücken wir in diesen zentralen Punkten aus:
- Wir respektieren gegenseitig unsere Wege.
- Wir setzen uns wechselseitig für gute und sichere Wege der jeweils anderen ein.
- Wir wollen ein friedliches Nebeneinander auf getrennten Wegen. Gemeinsame Wege sind für beide Seiten unverträglich.
- Wo sich unsere Wege kreuzen:
– Vorrang für das Gehen an Kreuzungen, Einmündungen, Zebrastreifen, Haltestellen und sensiblen Orten;
– Vorrang auf der Strecke in der Regel für Radfahren – defensiv und rücksichtsvoll. - Maßstab für Schutz und Sicherheit sind die Verletzlichsten: Kinder, alte Menschen und alle auf Barrierefreiheit Angewiesenen.
- Wir drängen einander nicht, sondern gewähren Vorrang – auch über das rechtlich Gebotene hinaus.
- Wir setzen uns gemeinsam dafür ein, dass Fahrräder am Rand von Fahrbahnen und Radwegen abgestellt werden.
Rücksicht, Regeln und Durchsetzung
Der Gehweg ist der geschützte Raum für Menschen zu Fuß. Besonders für Kinder, ältere Menschen oder Personen mit Mobilitätseinschränkungen ist er ein zentraler Sicherheitsraum. Er muss ihnen vorbehalten bleiben.
Widerrechtliches Gehwegradeln lehnen wir daher klar ab. Fehlende oder unzureichende Infrastruktur rechtfertigt kein regelwidriges Verhalten.
Ein friedliches Miteinander im Verkehr entsteht nicht von selbst. Es muss erlernt, eingefordert und wo nötig auch durchgesetzt werden.
Dazu gehören:
- eine Kultur der Rücksichtnahme,
- die Vermittlung von Verkehrsregeln und Verkehrskompetenz,
- öffentliche Kampagnen, Aufklärung, und
- Kontrollen: Regelverletzungen müssen Konsequenzen haben.
Besonderer Schutz für Kinder
Kinder brauchen im Verkehr besonderen Schutz – zu Fuß und auf dem Fahrrad. Für Kinder unter 10 Jahren ist der Gehweg der Ort, an dem sie das Radfahren im geschützten Raum erlernen. Bis zum 8. Lebensjahr müssen Kinder auf dem Gehweg Radfahren und dürfen dabei durch eine Person begleitet werden, bis zum 10. Geburtstag dürfen sie. Für Kinder ab 10 Jahren muss die Politik flächendeckend geschützte Radwege schaffen, damit sie sicher mit dem Rad zu Schule, Sport etc. kommen und der Gehweg ein geschützter Raum für Menschen zu Fuß und Kinder auf dem Fahrrad unter 10 Jahren bleibt.
Infrastruktur verbessern – Konflikte vermeiden
Konflikte zwischen Fuß- und Radverkehr entstehen häufig dort, wo die Infrastruktur unklar, lückenhaft oder unattraktiv ist. Eine gute Verkehrsplanung kann solche Konflikte deutlich reduzieren.
Gerade in einer dicht bebauten Stadt wie Berlin ist der Straßenraum begrenzt und vielfach noch stark auf den Autoverkehr ausgerichtet. Eine Neuverteilung des vorhandenen Raums zugunsten von Fuß- und Radverkehr kann daher entscheidend dazu beitragen, Gehwege zu entlasten.
Dazu gehören insbesondere:
- Sichere und freie Gehwege,
- der konsequente Ausbau sicherer und klar geführter Radwege,
- ein durchgehendes Netz für Fuß- und Radverkehr,
- Verkehrsberuhigung in Nebenstraßen und Kiezen,
- sichere Querungen für den Fußverkehr, auch über Radwege,
- sowie das Abschleifen von Kopfsteinpflaster oder der Austausch durch einen glatten Belag, um unnötiges Ausweichen auf Gehwege zu vermeiden.
Lieferdienste müssen Verantwortung übernehmen
Ein besonderes Phänomen stellen Lieferdienste auf Fahrrädern dar. Zeitdruck, algorithmische Steuerung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse führen zu gefährlichem Verhalten auch auf Gehwegen. Die Verantwortung darf hier nicht allein auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Es ist zwingend erforderlich, die Anbieter für die Verkehrssicherheit von Personal und Ausrüstung in die Pflicht zu nehmen.
Nach dem Papier: Wie geht es weiter?
Klar ist: Ein einzelnes Papier verändert noch nicht das Verhalten Zigtausender. Aber es erreicht hoffentlich einige, die bisher gedankenlos auf Gehwegen radeln und auf Radwegen gehen. Vor allem will es ein Beitrag zum fälligen Kulturwandel auf den Straßen sein, auf denen mehr gegenseitiger Respekt, Rücksicht und Regeltreue nötig sind. Dieser ist ein Projekt für Jahrzehnte, aber er kann mit einer Mischung aus sozialem Verhalten und klaren Sanktionen stattfinden – in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel erfolgreich beim öffentlichen Rauchen und der Hinterlassenschaft von Hunden. Auf beiden Gebieten verhalten sich heute deutlich mehr Menschen rücksichtsvoller als vor Jahrzehnten; unzsoziales Verhalten wird viel stärker geächtet. Auch im Verkehr wollen wir ein wohlwollendes Miteinander, zu Fuß und auf dem Rad ein freundliches Nebeneinander auf guten Wegen für alle.
