Wenn der Weg zur Belastung wird: Offenburgs Fußwege brauchen Schatten
Der DUH-Hitzecheck hat Offenburg mit nur 12,8 Prozent Baumbeschirmung bundesweit auf den letzten Platz gesetzt. Unsere kartografische Auswertung zeigt inzwischen noch deutlicher: Dieser ohnehin schlechte Wert ist nur ein Durchschnitt. Manche Quartiere und Ortsteile liegen sogar noch darunter.
Für Fußgänger:innen ist das keine abstrakte Zahl. Es ist Alltag.
Wer zu Fuß unterwegs ist, spürt fehlenden Schatten unmittelbar: auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit, zum Einkaufen, zur Bushaltestelle, zum Arzttermin oder einfach beim Gang durch die Nachbarschaft. Während Autofahrende klimatisiert durch die Stadt rollen können, sind Fußgänger:innen der Hitze direkt ausgesetzt. Jeder fehlende Baum macht den Weg an heißen Tagen länger, anstrengender und manchmal auch gefährlicher.
Hitze entscheidet mit, ob Menschen zu Fuß gehen
Eine fußgängerfreundliche Stadt entsteht nicht nur durch Gehwege, Querungen und kurze Wege. Sie braucht auch Aufenthaltsqualität. Dazu gehören Schatten, Sitzgelegenheiten, Wasser, sichere Querungen und Straßenräume, in denen Menschen sich gern und ohne gesundheitliche Belastung bewegen können.
Fehlt der Schatten, verändert sich das Verhalten. Menschen vermeiden Wege. Ältere Menschen gehen seltener raus. Eltern überlegen, ob sie mit Kindern noch zu Fuß unterwegs sein wollen. Wer gesundheitlich angeschlagen ist, bleibt eher zuhause. Und wer auf Bus, Bahn oder eigene Füße angewiesen ist, hat oft keine echte Alternative.
Hitze wird damit zu einer Mobilitätsbarriere.
Besonders betroffen sind die, die nicht einfach ausweichen können
Die fehlende Baumbeschirmung trifft nicht alle gleich. Wer ein Auto besitzt, eine kühle Wohnung hat oder seine Wege frei planen kann, kommt eher zurecht. Wer aber zu Fuß gehen muss, wer auf den Bus wartet, wer mit Rollator, Kinderwagen oder Rollstuhl unterwegs ist, wer alt, krank oder arm ist, spürt die Belastung sehr viel stärker.
Gerade für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sind heiße, unbeschattete Wege ein reales Gesundheitsrisiko. Auch kurze Strecken können zur Belastung werden, wenn Asphalt, Hauswände und Plätze die Hitze speichern und kaum ein Baum Schatten spendet.
Eine Stadt, die Fußverkehr ernst nimmt, muss deshalb auch Hitzeschutz ernst nehmen.
Gehwege sind keine Restflächen
In vielen Straßen wird Schatten noch immer behandelt, als wäre er eine nette Zugabe. Zuerst kommen Fahrbahnen, Parkplätze, Leitungen, Zufahrten und versiegelte Flächen. Wenn danach noch Platz bleibt, wird vielleicht ein Baum gepflanzt.
Für eine überhitzte Stadt ist diese Logik falsch.
Gehwege sind keine Restflächen. Sie sind die elementarste Verkehrsinfrastruktur einer Stadt. Jeder Mensch ist irgendwann Fußgänger:in. Auch wer Auto fährt, steigt irgendwann aus. Auch wer Rad fährt, geht Teile des Weges zu Fuß. Auch jede Busfahrt beginnt und endet mit einem Fußweg.
Wenn diese Wege in der Sommerhitze kaum noch nutzbar sind, ist das ein Problem der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Offenburg braucht ein Schattennetz für den Fußverkehr
Die Karte zur Baumbeschirmung zeigt: Offenburg braucht nicht nur einzelne grüne Projekte. Offenburg braucht ein zusammenhängendes Schattennetz entlang der alltäglichen Wege.
Dazu gehören insbesondere:
- beschattete Schulwege,
- beschattete Wege zu Kitas, Haltestellen, Arztpraxen, Apotheken und Einkaufsmöglichkeiten,
- mehr großkronige Bäume entlang von Hauptfußwegen,
- entsiegelte Flächen mit ausreichend Wurzelraum,
- schattige Sitzgelegenheiten in regelmäßigen Abständen,
- sichere und kühle Querungen,
- und eine Planung, die Fußverkehr, Klimaanpassung und soziale Gerechtigkeit gemeinsam denkt.
Besonders schlecht beschirmte Quartiere und Ortsteile müssen dabei zuerst in den Blick. Dort, wo heute nur 5 bis 15 Prozent Baumkronenüberdeckung vorhanden sind, braucht es schnelle und verbindliche Verbesserungen.
Jeder gefällte Großbaum fehlt auf Jahrzehnte
Nachpflanzungen sind wichtig. Aber sie ersetzen einen alten, großkronigen Baum nicht kurzfristig. Ein junger Baum spendet in den ersten Jahren kaum Schatten. Ein alter Baum kann dagegen einen ganzen Straßenraum spürbar verändern.
Deshalb muss Baumerhalt beim Fußverkehr eine zentrale Rolle spielen. Wer heute große Bäume fällt, nimmt Fußgänger:innen für viele Jahre Schutz, Aufenthaltsqualität und Lebensqualität. In Zeiten zunehmender Hitze ist das keine Kleinigkeit mehr, sondern eine planerische Fehlentscheidung mit Folgen.
Fußverkehr ist Klimaanpassung — aber nur, wenn die Wege nutzbar bleiben
Zu Fuß gehen ist die einfachste, sozialste und klimaschonendste Form der Mobilität. Aber Menschen werden nicht mehr zu Fuß gehen, wenn die Wege im Sommer unerträglich werden.
Eine Stadt, die Verkehrswende will, muss Fußgänger:innen schützen. Eine Stadt, die Klimaanpassung ernst nimmt, muss ihre Straßenräume umbauen. Und eine Stadt, die soziale Gerechtigkeit ernst nimmt, darf Schatten nicht dem Zufall überlassen.
Offenburg braucht deshalb einen verbindlichen Plan für mehr Baumbeschirmung auf Siedlungs- und Verkehrsflächen. Nicht irgendwann. Nicht nur in einzelnen Vorzeigeprojekten. Sondern dort, wo Menschen heute schon zu Fuß unterwegs sind — und dort, wo sie es auch in heißen Sommern noch sicher und gerne tun sollen.
Denn eine Stadt ohne Schatten ist keine fußgängerfreundliche Stadt.
24.06.26