Wie kommen sie zur Schule?

Für Jugendliche ist der Gang zur Schule der erste regelmäßig alleine zurückgelegte Weg. Hierbei erwirbt der Jugendliche die sogenannte Raumerfahrung, dies meint er ist den Einflüssen Zeit und Distanz, Klima, Relief oder dem (Verkehrs-)verhalten der Mitmenschen ausgesetzt. Die hier erworbenen Erfahrungen formen die Einstellung gegenüber den Verkehrsmitteln und beeinflussen damit die Verkehrsmittelwahl im Erwachsenenalter entscheidend mit.

Überraschenderweise existierten bis vor wenigen Jahren kaum detaillierte Angaben über den Modal Split des Schulwegs. Dies verwundert, denn einerseits liegen hier Möglichkeiten die Einstellung zum öffentlichen Verkehr entscheidend zu beeinflussen: Spricht man die „typischen“ Verkehrsplaner alter Art an, werden Schüler oft als lästige Beförderungsfälle beschrieben, die eh keine Verkehrsmittelwahl haben und auf die man keine Rücksicht nehmen muss.

Rücksicht, Kundenorientierung, dies wäre z.B. wenn man als Schüler nicht in überfüllten Bussen als Stehpassagier fahren müsste, sondern die Möglichkeit hätte die Fahrzeit sinnvoll und stressfrei zu nutzen oder die Schule auf einem gut ausgebauten Radwegenetz erreichen zu können.

Doch ohne Kenntnisse des Mobilitätsverhaltens, welches z. B. vom Geschlecht, der Schulart, der Bildung der Eltern oder der Art des Wohnorts abhängig sind, können die Kundenwünsche nicht berücksichtigt werden.

Wie aus Tabelle 1 (die unveränderlichen Rahmenbedingungen wurden außer Acht gelassen) hervorgeht, sind die Schulart und damit indirekt das Bildungsniveau bedeutende Einflussfaktoren auf die Verkehrsmittelwahl.

Tabelle "Verkehrsmittelwahl auf dem Schulweg" (PDF)

Zusammenhang von Bildung, Auto und Fahrrad

Die unterschiedliche Bildung der Eltern wirkt sich am stark auf die Fahrradnutzung und den Transport mit dem PKW aus. Die oft nachhaltigere, dem Schutz der Umwelt einen größeren Stellenwert einräumende Lebenseinstellung besser Gebildeter bevorzugt natürlich das umweltfreundliche Fahrrad. Umgekehrt nutzen Kinder aus Haushalten mit niedriger Bildung und Hauptschüler das Fahrrad erheblich seltener.

Doch wieso hat in der Gruppe der höher Gebildeten dann auch der Eltern-Autotransport einen großen Anteil? Aus Erwachsenensicht sind die Sicherheit und die Zeitersparnis der Kinder ein wichtiges Argument hierfür. Sicherheit meint z. B. Mobbing im Bus oder Gedränge an der Haltestelle. Die im Bus nicht genutzte Zeit erscheint vielen erfolgsorientierten Eltern als Vergeudung. Dazu kommt, dass die in Akademikerhaushalten oftmals flexibleren Arbeitszeiten den Transport des Nachwuchses ermöglichen. Dementsprechend liegt auch die Nutzung von als gefährlich eingeschätzten Kleinkrafträdern um mehr als 20 Prozent niedriger als bei den Vergleichsgruppen.

Mit Auto- und Radbesitz steht im Zusammenhang: Pkw-Mitfahrer stammen und insbesondere Kleinkraftradfahrer aus Familien, die überdurchschnittlich viele Autos besitzen. In diesen Fällen haben Motorfahrzeuge einen hohen Statuswert und damit eine erhebliche Vorbildfunktion. Die Nutzung von Krafträdern stellt insofern eine bewusste Entscheidung gegen öffentliche Verkehrsmittel bzw. das Fahrrad dar. Zugfahrer fallen dagegen in eine andere Kategorie: Sie wohnen oft in ländlichen Räumen mit dünnem ÖV-Netz, was den Besitz von mehreren Autos in der Familie notwendig erscheinen lässt.

Zu Fuß oder mit dem ÖPNV

Gymnasiasten und insbesondere Realschüler zeigen signifikant größere Werte bei der Nutzung von Bussen und Bahnen; dies ist vor allem in der durchschnittlich größeren Entfernung zur Schule begründet. Dagegen können Hauptschüler ihr Ziel öfter zu Fuß erreichen; hieraus resultiert jedoch auch eine geringere Vertrautheit mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Für Schüler, die sich als Fußgänger bezeichneten, gab es meistens keine motorisierte Alternative. Bestand jedoch eine Bus- oder Bahnverbindung, wurde diese meist ungeachtet der Entfernung aus Bequemlichkeit bevorzugt.

Eine genauere Analyse des öffentlichen Verkehrs lässt erkennen, dass der Bus den Schülertransport dominiert, eine Tatsache, die bei der Entwicklung des Images der des ÖV zu beachten ist: Kein Verkehrsmittel war derart unbeliebt! Die meistgenannten Kritikpunkte waren Überfüllung zu Stoßzeiten, geringe Geschwindigkeit, schlechte Luft und unfreundliche Fahrer.

Gleichzeitig fällt es vielen Jugendlichen schwer, die einzelnen Verkehrsträger des ÖPNV und ihre spezifischen Eigenschaften voneinander abzugrenzen, so dass das negative Image des Busses leicht verallgemeinert wird. Diese negative Verallgemeinerung war umso stärker, je ländlicher eine Region war und desto seltener schienengebundene Verkehrsmittel genutzt wurden.

Je schneller, desto beliebter?

Da die Verkehrsmittelwahl bei Schülern nur eingeschränkt möglich ist, wird die Bedeutung des Kriteriums Zeit oft unterschätzt. Jedoch müssen die Jugendlichen je nach Situation einen großen Teil ihrer außerhäuslichen Zeit für den Schulweg aufwenden. Dieser Zeitbedarf ist für die Entwicklung des Images eines Verkehrsmittels von zentraler Bedeutung: Der Schüler vergleicht seine Schulwegzeit mit der Zeitspanne, die ein PKW für die gleiche Strecke benötigen würde.

Eine Minimierung der Fahrzeit bedeutet einen Gewinn bei der für Jugendliche „wichtigen“ Zeit am Morgen: Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre führten zu einer Verlagerung vieler Aktivitäten auf den späteren Abend, damit hat sich bei unverändertem Schulbeginn der Wert des längeren Ausschlafens erhöht.

Die unterschiedliche Beliebtheit von Bussen und Bahnen dürfte somit auch auf den Unterschied in der Reisegeschwindigkeit zurückzuführen sein: Der Bus, der an vielen Haltestellen hält und sich im Berufsverkehr langsam dahinquält, schneidet grundsätzlich schlecht ab. Im ländlichen Raum sind die Bewertungen am negativsten, weil hier z. B. viele Umwege beim „Abklappern“ abgelegener Haltestellen gefahren werden. Hingegen wird der ÖV allgemein in Verdichtungsräumen positiver gesehen.

Auch besteht eine Abhängigkeit zwischen der für den Schulweg aufzuwendenden Zeit und der Zahl der Autos je Haushalt.

Ein wichtiges Kriterium ist, ob die alltäglich aufzusuchenden Ziele problemlos mit dem ÖV erreicht werden können. Die Unmotorisierten wohnen daher fast alle in den Zentren größerer Städte und in den Verdichtungsräumen. Sobald jedoch auch nur ein Auto im Haushalt vorhanden ist, steigt die die benötigte Zeit und erst recht die Entfernung zu alltäglichen Zielen stark an.

Image ist alles

Der geringere Entfernungsmittelwert der motorisierten Verkehrsmittel im Vergleich zum ÖV führt zum Schluss, dass viele Jugendliche, die theoretisch selbstständig-selbstbewegt zum Schulort kommen könnten, aus Statusgründen motorisierte Hilfe bevorzugen. Dies bestätigt die Hypothese, dass Verbesserungen im Bereich des ÖPNVs in erster Linie die bisher umweltverträglichst mit dem Rad oder zu Fuß Reisenden zum Umstieg bewegen werden – ein Vorgang, der den eigentlichen Intentionen zuwider liefe.

Die Ergebnisse lassen erkennen, dass es zwei Gruppen mit unterschiedlichem Verkehrsverhalten gibt: Einerseits die Radfahren und die ÖPNV-Nutzer, andererseits Pkw-Mitfahrer, Kleinkraftradnutzer und Fußgänger, die Fahrräder meiden. Diese unterschiedlichen Grundeinstellungen zeigen sich z. B. in der Zahl der im Haushalt vorhandenen Fahrräder: Fahrradfahren bedeutet körperliche Anstrengung, kalte Finger im Winter oder auch mal von einem Regenguss „erwischt“ zu werden.

Eine höhere Zahl ist daher ein Indiz für die Bereitschaft, allgemein auch unangenehmere Transportformen zu akzeptieren bzw. eine größere (Frustrations-) Toleranz bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu zeigen. Bei mit dem Pkw anreisenden und zu Fuß gehenden Schülern sind Fahrräder in deutlich geringerer Zahl in den Haushalten vertreten: Oft ist hier nicht die Entfernung das entscheidende Kriterium sondern der Faktor Bequemlichkeit, d. h. der geringere körpereigene Energieaufwand.

Resümee

Die Einflussfaktoren auf das jugendliche Mobilitätsverhalten sind vielschichtig, allerdings bestehen durch den großen Anteil des ÖPNVs am Schülertransport auch Chancen. Eine Erziehung zu einem ökologisch verantwortlichen Verkehrsverhalten muss daher versuchen, das Verkehrsverhalten auf den lernpsychologisch wichtigen Schulweg zu beeinflussen. Entscheidend ist allerdings das Vorhandensein von günstigen Rahmenbedingen: Mit Verkehrsunternehmen, die Schüler nur als Nummern in Statistiken sehen und für die Gewinnmaximierung Vorrang vor langfristiger Kundenbindung hat, wird sich nur wenig an Einstellungen der Jugendlichen bewegen lassen.

In Kürze

Schüler machen ihre ersten regelmäßigen und intensiven Erfahrungen mit den verschiedenen Verkehrsmitteln auf dem Schulweg. Doch wie dieser Weg und warum er gerade so zurückgelegt wird, ist nur wenig bekannt: Schulart, Elternhaus oder Wohnort – all dies sind wichtige Faktoren, die die Entwicklung des Images der Verkehrsmitteln bei Schüler beeinflussen und damit eine Rolle bei der späteren Verkehrsmittelwahl spielen.

Weitere Informationen

  • Die vollständige Untersuchung kann hier nachgelesen werden: Ökologisch verantwortliches Mobilitätsverhalten als pädagogisches Ziel: Muss die gängige Verkehrserziehung erweitert werden? Berlin 2005. ISBN: 3865041205

 

Dieser Artikel von Burkard Richter (lehrt Geographie und ihre Didaktik an der PH Schwäbisch Gmünd) ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 3/2009, erschienen.

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