Rezension aus der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung, Ausgabe 107/2021

Ausgangslage

Insbesondere an Fußgängerfurten, die parallel zum Fahrverkehr liegen und wo der Fußverkehr zeitgleich Grün mit dem abbiegenden Autoverkehr hat (Parallelschaltung), kommt es häufig zu Unfällen. Der Bericht zur konfliktfreien Ampelschaltung zeigt Lösungen dafür auf.

Inhalt

Zu Beginn wird erläutert warum Fußgänger*innen gerade bei Grün eher in Unfälle verwickelt sind. Der Grund dafür ist die Parallelschaltung. Gestützt wird diese These durch die Zahlen des statistischen Bundesamtes zu Verkehrsunfällen. Das Forschungsvorhaben der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) kommt zu der Einschätzung, dass Unfälle mit Fußgänger*innen an einer Parallelschaltung insbesondere durch den Autoverkehr verursacht werden, aufgrund von Fehlverhalten beim Abbiegen. Eine Lösung bietet die konfliktfreie Ampelschaltung: Ein gleichzeitiges Abbiegen des Autoverkehrs mit dem querenden Fußverkehr wird hier ausgeschlossen, stattdessen haben die Verkehrsteilnehmenden jeweils ihre eigene Phase. Es gibt die Möglichkeiten „Rundum Grün“ oder „Diagonalgrün“ für Fußgänger*innen oder eine getrennte/separate Abbiegephase, mit Hilfe eines Leuchtpfeils, für den Autoverkehr einzurichten.

Anschließend wird der Modell-Versuch zur konfliktfreien Ampelschaltung an verschiedenen Knotenpunkten, in Aachen von 1990, vorgestellt. Das Ergebnis: der Knotenpunkt sollte kompakt , nicht zu überlastet und die Furten für Diagonalgrün gekennzeichnet sein. Rundum Grün, das nach Verkehrsaufkommen geschaltet wird, wird nur bei geringem Verkehrsaufkommen empfohlen, getrennte Abbiegephasen hingegen bei stark belasteten Knotenpunkten.

Im vierten Kapitel werden eine Studienarbeit der TU Dresden und Ergebnisse der UdV zu Diagonalgrün und Rundum Grün vorgestellt. Die Studienarbeit empfiehlt die Schaltungen für Kreuzungen mit viel Unfallgeschehen, hohem Bedarf an diagonalen Queren und Rechtsabbiegen. Die UdV berichtet, dass Fußgänger*innen häufiger bei Diagonalgrün Rotlicht missachten, aufgrund von längeren Wartezeiten. Zwar seien keine Abbiegeunfälle mehr zu verzeichnen, aber die Kreuzung verliere an Leistungsfähigkeit durch diagonales Queren und Wartezeiten verlängern sich.

Im Weiteren kommentiert der Autor verschiedene Aspekte von Rundum Grün und Diagonalgrün: Dem Argument der zu langen Umlaufzeit setzt er entgegen, dass durch eine Reduzierung der Grünzeit für alle Verkehrsteilnehmenden keine Erhöhung der Umlaufzeit festgestellt werden könne, wie der Aachener Modell-Versuch zeigt. An dieser Stelle gibt der Autor auch Tipps, wie man auf das Argument der erhöhten Umlaufzeiten reagieren kann.

Auf die Ergebnisse der UdV, dass sich die Wartezeiten für Fußgänger*innen erhöhen würden, entgegnet der Autor, dass die Ergebnisse des Modellversuchs Aachen differenziert zu betrachten seien und nicht zwangsläufig eine höhere Wartezeit entstehe. Auch konnte kein Anstieg von Rotgehenden festgestellt werden. Um Wartezeiten bei Rundum-Grün dennoch verringern zu können, rät der Autor, es könne z.B. eine grüne Wellen des Autoverkehrs unterbrochen werden.

Anschließend werden einige Beispiele zu konfliktfreien Ampelschaltungen aus dem In- und Ausland vorgestellt.

Im weiteren wird dargelegt, dass es möglich sei, Diagonalgrün zu fordern, aufgrund der Bestimmungen in den Empfehlungen für Anlagen des Fußgängerverkehrs (EFA) 2002, auch wenn die Richtlinien für Lichtsignalanlagen (RiLSA) Diagonalgrün inzwischen gestrichen hat. Sollte eine konfliktfreie Ampelschaltung dennoch nicht möglich sein, so könne auch die getrennte/separate Abbiegephase Abhilfe verschaffen. Hier erfolgt das Abbiegen mit Hilfe von Leuchtpfeilen und bezieht sich nicht auf den gesamten Knotenpunkt. Damit sind auch Wartezeiten geringer und die Kapazitäten für abbiegende Fahrzeuge höher, weil nicht auf den Fußverkehr gewartet werden muss.

Kapitel 10 widmet sich der Antragsstellung. Hier wird u.a. erläutert, auf welche Gesetzestexte und Regelwerke man sich beziehen kann, um eine eine konfliktfreie Ampelschaltung zu fordern, und welche Aspekte im Vorfeld in Erfahrung gebracht werden sollten. Anschließend folgt ein Erfahrungsbericht aus Marl zu konfliktfreien Ampelschaltungen. Zu guter Letzt geht der Bericht auf das Konfliktpotenzial des Grünpfeil ein, der im Gegensatz zum Grünen Pfeil (also der Ampelleuchte), nicht signalisiert, dass die Bahn frei ist. Es komme dabei aber zur Verwechslungsgefahr, weshalb der Grünpfeil das Gegenteil einer konfliktfreien Ampelschaltung darstellt.

Bewertung

Der Bericht umfasst eine breite Mischung aus detailliertem Fachwissen, eigener Meinung, Tipps für die Praxis und fordert zum Handeln auf. Jede/r die/der sich für die Problematik der Parallelschaltung und an einer Lösung durch die konfliktfreie Ampelschaltung interessiert ist, wird hier fündig. Positiv zu vermerken ist, dass der Bericht nichts „schönredet“. Negative Aspekte und Schwächen der konfliktfreien Ampelschaltung werden, über mehrere angeführten Untersuchungen, dargestellt und nicht verheimlicht. Trotzdem kann dieses teilweise eher negative Bild der konfliktfreien Ampelschaltung durchaus entkräftet werden mit der richtigen Argumentation. Dennoch ist in diesem Zusammenhang auch darauf hinzuweisen, dass es bisher verhältnismäßig wenige Datenerhebungen zur konfliktfreien Ampelschaltung gibt und somit eine abschließende Bewertung mit Sicherheit nicht möglich ist.

Auch die Tipps sind als positiv zu vermerken. Sie geben den richtigen Input, der benötigt wird, wenn man nicht weiß, wie mit einer konfliktfreien Ampelschaltung umzugehen ist. Vor diesem Hintergrund stellt der Bericht einen wertvollen Inhalt dar, wenn es darum geht, die konfliktfrei Ampelschaltung alltäglicher zu machen, denn noch sieht man solche Lösungen für Kreuzungen sehr wenig.

Wenn man etwas kritisieren möchte, dann ist es die teilweise sehr fachliche Sprache, die verwendet wird. Diese ist nicht unbedingt für alle verständlich und setzt die Hürde höher, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Auch sonst ist es an einigen Stellen notwendig, bereits Fachwissen zum Fußverkehr mitzubringen, um den Bericht zu verstehen.

Titel:

Konfliktfreie Ampelschaltungen an Kreuzungen und Einmündungen. Rundum-Grün, Diagonalgrün, Getrennte/separate Abbiegephase

Verfasser:

Peter Struben, Landessprecher FUSS e.V. NRW

Bezug:

www.umkehr-fuss-online-shop.de → Kostenlose Downloads → Themen-Websites → Geh-Recht → Konfliktfreie Ampelschaltungen

 

Impressum:

Erstveröffentlichung in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung, Mai 2021. Der Kritische Literaturdienst Fußverkehr Krit.Lit.Fuss erscheint seit 1992 als Beilage des InformationsDienstes Verkehr IDV und nach der Namensumbenennung ab dem Jahr 2002 vierteljährlich in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung.

Autorin dieser Ausgabe: Milena Kisters

Herausgeber: FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland, Exerzierstraße 20, 13357 Berlin, Tel. 030/492 74 73, Fax 030/492 79 72, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.fuss-eV.de

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