Rezension aus der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung, Ausgabe 103/2020

Ausgangslage

Für den Fahrbahnverkehr gibt es seit Jahrzehnten – auch innerstädtisch - groß dimensionierte Wegweiser, um auch bei 50 km/h oder mehr rechtzeitig die richtige Richtung zu finden. In der BRD sind diese Wegweiser auch Teil der StVO und dazugehöriger Gestaltungsvorschriften. Daran haben elektronische Navigationsgeräte bislang nichts geändert. Um beim Fußverkehr Behinderungen infolge unkooperativen Bildschirm-Starrens, sowie den ungesund gekrümmten Handy-Nacken zu vermeiden, sind fest installierte Beschilderungen sicherlich nützlich.

Inhalt

Der nationale Fachverband Fussverkehr Schweiz und die Hochschule für Künste in Bern haben eine Broschüre verfasst, die sich in die Schriftenreihe „Langsamverkehr“ (langsamverkehr.ch) als Nr. 140 einreiht.

Die Empfehlungen sollen Qualitätskriterien sowie formale und funktionale Grundanforderungen definieren und eine Übersicht über dem entsprechend schon realisierte Systeme geben.

Zunächst aber wird dargestellt, welche Bedeutung der Fußverkehr in der Schweiz hat. Bei der Tagesunterwegszeit hatte er im Jahre 2015 – ohne Warte- und Umsteigezeiten – einen Anteil von 36 Prozent. Bei der Anzahl der Etappen war er mit 43 Prozent sogar dominierend. Bezüglich der Tagesdistanz war der Anteil mit 5,2 Prozent viel niedriger, aber immer noch höher als der des Fahrradverkehrs (2,4 Prozent).

Als Zweck der Wegleitsysteme wird nicht nur die Vermittlung von Orientierung angegeben, sondern auch die Förderung des Fußverkehrs, die Lenkung der Verkehrs-ströme sowie die Führung zu durchgehenden, sicheren, attraktiven und hindernisfreien Fußwegverbindungen. Sie werden auch als Teil der Stadtmöblierung betrachtet. Aufgabe der öffentlichen Hand sei neben der Finanzierung dann auch die Sicherung der freien Begehbarkeit und der Durchgangsrechte.

Kurz erwähnt werden die schweizerischen Rechtsgrundlagen, die in diesem Bereich beim Fußverkehr unspezifiziert sind. Daher wird die Bildung einer „Begleitgruppe“ von Interessierten, u.A. aus Gewerbe, Tourismus, Kultur, Behindertenverbänden und Ämtern empfohlen, die zunächst ihre Motive für den Wunsch nach einem Wegleeitsystem abklären. Dann sollen Begehungen und Befragungen erfolgen. Es wird darauf hingewiesen, dass sich die von den Befragten geäußerten Bedürfnisse von den Vorstellungen der Verwaltung in Zürich-Oerlikon unterschieden hätten.

Nach dem Analyse-Schritt folgen Ausführungen über die Erstellung eines Konzepts, der Detailplanung und des Realisierungsprojekts. Nicht zu vergessen der Hinweis auf Betrieb und Unterhalt.

Als Grundsatz wird ausgegeben, dass die Wegeinformationen kurz und einfach sein sollen. Deshalb seien Piktogramme einer Mehrsprachigkeit vorzuziehen. Aber parallel zu Distanzangaben wird auch die Angabe von Gehminuten empfohlen, weil es einer beseren Einschätzbarkeit diene. Als hilfreich gilt die Einbeziehung signifikanter Gebäude und Örtlichkeiten in das Leitsystem. Eine Auswahl aus Piktogramm-Familien, die in Zürich-Oerlikon und der Stadt Basel angewandt werden, nebst einem link zu einem frei nutzbaren Piktogramm-System ist enthalten.

In einem eigenen Kapitel werden die Vor- und Nachteile statischer Medien (Stelen, Pfeilwegweiser, Bodenmarkierungen) gegenüber dynamischen und/oder interaktiven elektronischen Medien abgewogen. Die Elektronischen seien zwar leicht aktualisierbar, doch die kurze Halbwertszeit der Programme erfordere letztendlich auch hohe finanzielle und personelle Ressourcen. Als sehr aktuell (Corona) erweist sich auch der Hinweis auf die Notwendigkeit der häufigen Reinigung interaktiver Bildschirme.

Schließlich ist noch eine Dokumentation verschiedener in der Schweiz installierter Systeme zu finden.

Auch umfangreiche Literaturangaben sind enthalten.

Bewertung

Die Empfehlungen lassen sich ausnahmslos positiv bewerten. Einiges scheint zu Beginn banal, doch die Anleitung zu einem strukturierten Vorgehen dürfte in der Praxis durchaus hilfreich sein. Wie bei dem Thema nicht anders zu erwarten, ist die Broschüre auch optisch gelungen.

Ganz und gar nicht banal sind die Darstellungen zum Gesichtsfeld und den dabei am besten wahrnehmbaren Farben. Oder auch die Anmerkungen zu Schrifttypen. Im Glossar sind auch wichtige Hinweise zur Blendfreiheit und noch Vieles mehr enthalten.

Nicht direkt fehlend sind Empfehlungen für die Komplettausschilderung ganzer Städte. Doch die Bebilderung erweckt den Eindruck, dass in erster Linie an Innenstadtbereiche und Fußgängerzonen gedacht wird.

Titel:

Wegleitsysteme Fussverkehr – Empfehlungen, Materialien Langsamverkehr Nr. 140. Erschienen im September 2019, 40 Seiten, zahlreiche Bilder und Grafiken.

Verfasser:

Fussverkehr Schweiz, Klosbachstrasse 48, 8032 Zürich. Hochschule der Künste Bern (HKB), Signaletik – Environmental Communication Design, Fellerstrasse 11, 3027 Bern.

Herausgeber: Bundesamt für Strassen ASTRA, Fussverkehr Schweiz, HKB

Bezug:

Download: www.langsamverkehr.ch oder www.fussverkehr.ch

 

Impressum:

Erstveröffentlichung in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung, Mai 2020. Der Kritische Literaturdienst Fußverkehr Krit.Lit.Fuss erscheint seit 1992 als Beilage des InformationsDienstes Verkehr IDV und nach der Namensumbenennung ab dem Jahr 2002 vierteljährlich in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung.

Autor dieser Ausgabe: Markus Schmidt.

Herausgeber: FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland, Exerzierstraße 20, 13357 Berlin, Tel. 030/492 74 73, Fax 030/492 79 72, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.fuss-eV.de

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