Mörderisches Tempo 50

Zum Fußgänger als Unfallopfer gibt es ein weit verbreitetes Klischee: Er (oder sie) rennt achtlos auf die Fahrbahn, vorzugsweise nachts, und ist dann auch noch dunkel gekleidet. Autofahrer sind dem quasi ausgeliefert – und kaum dafür verantwortlich, dass 2016 in Deutschland 505 Menschen zu Fuß auf der Straße starben und 32.656 verletzt wurden. [1] Tatsächlich könnte ein Großteil der Unfälle mit Fußgängern vermieden werden, würden Autofahrer ihre Geschwindigkeit an unübersichtliche Situationen und Verhältnisse mit eingeschränkter Sicht anpassen. Unübersichtlich ist jede Straße, in der Fußgänger plötzlich zwischen geparkten Autos oder anderen Sichthindernissen hervortreten können - und oft genug müssen, um ihr Ziel zu erreichen.

Sieht ein Autofahrer einen Fußgänger auf der Fahrbahn, dann braucht er bei Tempo 50 noch 27,7 Meter, bis er reagiert, gebremst und angehalten hat. Fährt er stadtgerechtere 30, dann braucht er nur 13,3 Meter. [2] Auf diese Entfernung hat er auch dunkel gekleidete Fußgänger längst erkannt. Und er kann vor Kindern oder alten Leuten bremsen, die auf die Fahrbahn getreten sind, weil sie sie wegen parkender Autos vorher nicht überblicken konnten. Und reicht es ausnahmsweise nicht mehr zum Anhalten, dann sind die Unfallfolgen weniger schlimm: Von den Fußgängern, die von Autos mit Tempo 30 angefahren werden, sterben acht Prozent. Fährt das Auto 50, sterben 39 Prozent der Angefahrenen, und bei Tempo 70 sogar 86 Prozent. [3] Die Fußgänger-Sicherheit steht und fällt mit der Geschwindigkeit der Autos. Sie ist wichtiger als alle Warnwesten und Reflektoren.

Heute aber stehen überforderte Kinder und Senioren auf der Straße als Unfallverursacher in der amtlichen Statistik, wenn gerade ein Auto vorbei kommt. Dies dürfte auf einen Großteil der Unfälle mit Verletzten und Toten zutreffen, für die die Statistik „Ursachen bei Fußgängern“ sieht. Doch selbst unter diesen Bedingungen kommen auf sieben solche gezählten Unfälle acht andere mit der Ursache „Falsches Verhalten von Fahrzeugführern gegenüber Fußgängern“. [4]

Zur Überforderung von Fußgängern trägt oft auch das Fehlen von Mittelinseln bei. Wo keine ist, muss man den Kopf mehrfach wenden und 90 Meter Straßenlänge überblicken, um bei üblichem Auto-Tempo 50 sicher über die Straße zu kommen. Wo es eine Mittelinsel gibt, reicht der Blick in jeweils eine Richtung – statt 90 müssen nur 35 Meter Straße überblickt werden. [5]

Wichtig für Planung und Politik

          • Kinder und Alte sind im schnellen Kfz-Verkehr oft überfordert, Autofahrer können die Folgen ihres Tempos meist nicht richtig einschätzen.
          • Tempo-Senkung ist der beste Unfallschutz.
          • Mittelinseln, Zebrastreifen und Gehwegnasen machen das Überqueren von Fahrbahnen deutlich sicherer und leichter.

Quellen

[1] Statistisches Bundesamt Zeitreihen zu Verkehrsunfällen

[2] Verkehrsclub Deutschland Infografik Anhalteweg Tempo 30

[3] Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie Österreich Autotempo und Tötungsgefahr S.71

[4] Bundesministerium für Verkehr Verkehr in Zahlen 2017/2018 S.168

[5] Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie Österreich Hilfreiche Mittelinseln S.47 unten