Mobilität: Zählt Masse oder Klasse?

Der Fußverkehr schneidet kläglich ab, wenn Statistiken die sogenannte „Verkehrsleistung“ quantifizieren – die mit den verschiedenen Verkehrsmitteln bewältigten Kilometer. Als Leistung gilt hier nicht, irgendwo anzukommen, sondern lange Strecken hinter sich zu bringen: Der lange Weg ist das Ziel. Nach dieser Definition leistet besonders viel, wer den Zweck von Verkehr – das Erreichen anderer Orte – mit maximalem Aufwand erfüllt. Wer den Aufwand minimiert, leistet in dieser Betrachtungsweise viel weniger.

Besonders augenfällig wird das an den beiden Extremformen des Verkehrs: dem Gehen und dem Fliegen. Das Gehen ist für alle und fürs tägliche Leben von immenser Bedeutung, das Fliegen für die meisten von uns ein Randphänomen. Der Durchschnitts-Deutsche geht täglich zu Fuß durch seine Stadt oder sein Dorf, steigt aber nur zweimal pro Jahr in ein Flugzeug. Aus dem ministerial-amtlichen Werk „Verkehr in Zahlen“ lässt sich ein Anteil des Luftverkehrs an allen Wegen von 0,1 Prozent errechnen. [1]

Ganz anders in der Statistik der „Verkehrsleistung nach Personenkilometern“. [2] Hier errechnet sich für den Luftverkehr ein Anteil von 4,9 Prozent, auch aufgrund eines statistischen Privilegs: Während bei den anderen Verkehrsmitteln fast alle gezählten Wege innerhalb Deutschlands verlaufen, werden dem hiesigen Luftverkehr auch die internationalen Flüge zugeschlagen, die den Großteil aller Kilometer fressen. 61,4 Milliarden Kilometer flogen die Menschen in und aus Deutschland insgesamt im Jahr 2015, über die Hälfte der Kilometer führten in der Urlaub. Dagegen bringt es der Fußverkehr nur auf eine Gesamt„leistung“ von 35 Milliarden Kilometern. Und auf 2,8 Prozent am Gesamtverkehr. Dominant in dieser Statistik sind Autos. In ihnen werden mehr als 75 Prozent aller Kilometer zurückgelegt (aber nur 37 Prozent aller Ziele erreicht).

Tabelle 4

Wer „Verkehrsleistungen“ mit Kilometern gleichsetzt, transportiert unter der Oberfläche scheinbar neutraler Zahlen sehr subjektive und eigenwillige Wertungen: Ein Weg nach Mallorca zählt tausendmal mehr als ein Weg in die Schule. Ein 20-Kilometer-Pendler ist bei solcher Bewertung zwanzigmal leistungsstärker als die Kollegin, die ins gleiche Büro einen Kilometer zu Fuß spaziert.

Welches Gewicht der Anteil an kurzen Wegen hat, zeigt eine Analyse für deutsche Großstädte: 49 Prozent aller Ziele – also fast die Hälfte – sind nach weniger als drei Kilometern erreicht.

Tabelle 5

Quelle der Tabellen: Werner Brög: Denn das Nahe ist so fern, mobilogisch 4/2016

 

 

Wichtig für Planung und Politik:

              • Sinn des Verkehrs ist, Ziele zu erreichen – und nicht, Kilometer zu fressen.
              • Nahe Ziele sind also besser als ferne.
              • Rund die Hälfte aller Wege in deutschen Städten sind zu Fuß machbar.

Quellen

[1] Bundesministerium für Verkehr Verkehr in Zahlen 2017/2018 S.223

[2] Bundesministerium für Verkehr Verkehr in Zahlen 2017/2018 S.222/225

 

 

 

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