Gehen: Die wichtigste Form der Mobilität


Wie viel wir zu Fuß gehen

Rund 35 Milliarden Kilometer legen Deutschlands Fußgänger im Jahr zurück. [1] Allerdings misst diese Zahl nur Wege, die zum größeren Teil zu Fuß zurückgelegt werden. Nicht erfasst sind Wege zu und von Haltestellen, Park- und Abstellplätzen direkt vor oder nach Fahrten. Mit ihnen erhöht sich der Fußverkehr um etwa 75 Prozent [2] – gemessen in Zeit, aber damit auch in Wegstrecken.

Mit keinem anderen Verkehrsmittel verbringen wir in Städten so viel Fortbewegungszeit – siehe Tabelle 1, Quelle: [2] . Das bedeutet auch: Es sind in aller Regel mehr Menschen auf den Beinen, als zugleich entweder hinterm Steuer sitzen, auf dem Rad oder in Bus und Bahn fahren.

Tabelle 1

Geringer erscheint auf den ersten Blick das Gewicht des Fußverkehrs, betrachtet man die zurückgelegten Wege und das für den jeweils längsten Teil benutzte Verkehrsmittel. Bei dieser Betrachtung stehen Autofahrer mit 37 Prozent auf Platz 1; Fußgänger folgen auf Rang 2 mit 23 Prozent (Tabelle 2), Quelle: [2] Aber auch diese Statistik ignoriert, dass kaum ein Weg komplett auf Rädern zurückgelegt wird (also z.B. von Tiefgarage zu Tiefgarage). Stattdessen besteht jeder Weg aus mehreren Einzeletappen, von denen die erste und letzte meist zu Fuß zurückgelegt werden. Das gilt vor allem für die Benutzer von Bussen und Bahnen.

Von allen Einzel-Etappen werden 57 Prozent zu Fuß zurückgelegt – bei Benutzern von Autos, Bussen und Bahnen oft keine großen Entfernungen, aber entscheidende: Ohne Fußweg wären andere Verkehrsmittel in der Regel nicht erreichbar.

Tabelle 2

Es gibt Wegearten und -längen, bei denen der Fußverkehr besonders stark dominiert: Von den Wegen unter einem Kilometer (maximal ca. 12 Minuten) wurden 2008 in Deutschland 62 Prozent zu Fuß zurückgelegt. [3] Im Freizeitverkehr kommen auf fünf Wege hinterm Steuer sieben zu Fuß. [4] Doppelt so viele Besucher von Restaurants und Kneipen gehen ohne Promillegrenze hin und wieder weg wie sich ins Auto trauen. Beim Spazieren – der freiwilligsten und genussvollsten Form der Fortbewegung – werden elfmal mehr Wege zu Fuß unternommen als sogenannte „Spazierfahrten“ im Auto. [4] Dabei sind die Wege zum Ausführen des Hundes nicht einbezogen, sondern extra gezählt. Nur jeder zehnte Hund wird zum Laufrevier chauffiert, alle anderen gehen selbst. [4]

Auf absurde Weise umgekehrt sind die Verhältnisse bei Sport Treibenden: Ihren Bewegungsdrang toben sie offenbar auf dem Rasen und in der Halle aus: Mehr als doppelt so viele von ihnen erreichen und verlassen ihre Sportstätten im Auto wie zu Fuß. [4]

Eine weitere Studie [8] (Tabelle 3) bestätigt dies: Danach gehen 23,6 Prozent aller Frauen täglich mindestens eine halbe Stunde zu Fuß, aber nur 20,0 Prozent aller Männer. Bei den Altersgruppen setzt nach diese Studie die Trendwende vom Laufen zum Fahren schon in jungen Jahren ein – danach geht unter den 16- bis 24-jährigen der geringste Anteil mehr als eine halbe Stunde täglich.

Diese Studie zeigt auch deutlich Unterschiede nach anderen Merkmalen: Je mehr Geld Menschen verdienen, desto weniger oft gehen sie. Und besonders lähmend aufs Gehverhalten wirkt sich der Autobesitz aus: In den höchstmotorisierten Haushalten mit drei und mehr Autos wird nicht einmal halb so viel gelaufen wie in Haushalten ohne Auto. Auffällig ist auch, dass Städter deutlich mehr gehen als Dorfbewohner.

Das Fazit: Unter Fußgängern sind förder- und schutzbedürftige, physisch oder wirtschaftliche schwächere Gruppen besonders stark vertreten: Frauen, Kinder, Alte, Ärmere, autofrei Lebende. Also Gruppen, zu denen ein Großteil aller Verkehrsplaner und -politiker nicht gehört.

Wichtig für Planung und Politik:

  • Fast jeder Weg ist auch Fußweg
  • Das wichtigste Stadtverkehrsmittel braucht Priorität in der Verkehrsplanung
  • Wer Fußverkehr fördert, unterstützt Kinder, Alte und Ärmere

 

Quellen

[1] Bundesministerium für Verkehr Verkehr in Zahlen 2017/2018 S.346

[2] Werner Brög: Das hauptsächlich vernachlässigte Verkehrsmittel in der Mobilitätsforschung in: Mobilogisch 2/2017

[3] Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie Österreich Fußverkehr in Zahlen S.32

[4] Bundesministerium für Verkehr Verkehr in Zahlen 2017/2018 S.231

[5] Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie Österreich Fußverkehr in Zahlen S.31

[6] Bundesministerium für Verkehr Verkehr in Zahlen 2017/2018 S.100

[7] Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie Österreich Fußverkehr in Zahlen S.31

[8] Ralph Buehler u.a.: Active travel in Germany and the U.S. Contributions of daily walking and cycling to physical activity. In: American journal of preventive medicine 41(3):241-50 · September 2011. S.245

 

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