Technik-Kästen mitten auf dem Gehweg, kreuz und quer gespannte Kabel zu den Autos auf der Fahrbahn: Mit der geplanten Million Ladesäulen droht nach den E-Rollern der nächste Angriff auf die Mobilität der Menschen zu Fuß.

Es gibt keinerlei Regeln, die die Menschen auf dem Bürgersteig vor diesem Chaos schützen. Stattdessen opfern Städte jetzt die Gehwege für einen Wildwuchs von Ladetechnik. Ein Beispiel ist Berlin. Die deutsche Hauptstadt verlangt in ihrem „Leitfaden Ladeinfrastrukturentwicklung“, dass Ladesäulen nicht an der Bordsteinkante, sondern tief in den Gehweg eingerückt werden – je nach Parkplatz-Anordnung bis zu 75 Zentimeter von der Fahrbahn entfernt. Im Leitfaden heißt es dann zwar „Für zu Fuß Gehende müssen genügend breite Gehbahnen vorgehalten werden“. Aber was „genügend breit“ ist, wird in Berlin nicht verbindlich geregelt. Kneipen und Cafés dürfen in der Stadt teils legal den Gehweg bis auf einen 80 Zentimeter schmalen Schlauch vollstellen. Das droht jetzt auch bei Ladesäulen. Da kommt kein Rollstuhl durch und kein Kind an der Hand seiner Eltern. Technik, Kommerz und Reklame werden besser und präziser geschützt als Fußgänger in Berlin: zu „Verteilerkästen, Briefkästen, Postboxen, Litfaßsäulen, Werbetafeln und Ähnlichem soll ein genügender seitlicher Abstand von nicht weniger als 100 cm eingehalten werden“.



Geht doch: Ladesäulen in Paris verschonen den Bürgersteig.

Ladesäulen sind für Fahrzeuge da; Flächenklau vom engen Raum der Fußgänger ist durch nichts gerechtfertigt. Die Fahrbahnen und Parkstreifen nehmen den größten Teil des Straßenraums ein, also gehören hier auch die Ladesäulen hin. Dass dies möglich ist, zeigt Paris. Die Stadt investiert massiv in Ladesäulen, weil ab 2030 Benzinautos verboten sind. Die Säulen stehen jedoch nicht auf den Gehwegen, sondern auf dem Parkstreifen zwischen den Fahrzeugen.