Gesundheit und Verkehr: Lobbyismus in der Wissenschaft?

Ein wichtiger wissenschaftlicher Lückenschluss? Anfang des Jahres wurde die „Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor e.V.“ (EUGT) gegründet, die es sich zur Aufgabe macht, „Aus- und Wechselwirkungen intensiver zu untersuchen, um Wege zu finden, mögliche gesundheitliche Folgen zu vermeiden.“ So etwas hat uns – tatsächlich – noch gefehlt! Irritiert hat uns der Zusatz: „Gegründet wurde die EUGT von den Automobilunternehmen BMW, Daimler und Volkswagen sowie dem Zulieferer Bosch“.

Absolut unabhängig

Selbstverständlich kann man heutzutage nicht mehr moralisierend Drittmittel in der Forschung ablehnen. Andererseits haben Drittmittel von Firmen in der Regel den Zweck, anwendungsorientierte Lösungen aus dem wissenschaftlichen Bereich zu erhalten. In dieser Hinsicht reizt es einen schon, wenn in der Pressemitteilung steht, „dass der Forschungsbeirat (des EUGT) wissenschaftlich absolut unabhängig ist“.

Der Forschungsbeirat wird in Absprache mit den Gründern vom Vorstandsvorsitzenden der EUGT ernannt. Diesen Posten hat bei der EUGT Prof. Dr. Gunter Zimmermeyer inne, ein Mann, der sich seit langem im Bereich Umwelt und Gesundheit engagiert. Zu Zeiten des Waldsterbens war er als Referent für Umweltschutz im Gesamtverband des deutschen Steinkohlebergbaus unter anderem für „Akzeptanzfragen“ zuständig. Von 1992 bis 2003 war er Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie (VDA).

Bis heute ist er im Präsidium der Deutschen Verkehrswacht und bis 2002 im Vorstand des Deutschen Verkehrssicherheitsrates DVR, wahrscheinlich in seiner Funktion als Beauftragter der Bosch GmbH, deren EU-Lobbyist er als Leiter des „Verbindungssbüros“ in Brüssel immer noch ist. Und eben seit kurzem bei der EUGT.

Über den Forschungsbeirat der EUGT kann man noch nicht viel sagen. Er besteht aus einem emeritierten Professor der TU München, Helmut Greim und einem jungen, aufstrebenden Professor für Arbeitsmedizin, David Gronenberg, an der Charite/ Humboldt-Universität zu Berlin. Hier hinterlässt auf den ersten Blick ein schlechtes „Gschmäckle“, wenn das Institut dieses Forschungsbeiratmitgliedes gleichzeitig Forschungsaufträge von der EUGT erteilt bekommt. – Abschließend zu dem Aspekt Verquickung eine Anekdote am Rande: Nachdem die mobilogisch!-Redaktion Fragen an die Kontaktadresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! gerichtet hatte, antwortete der Geschäftsführer, Michael Spallek, mit einer Mailadresse @volkswagen.de

Was kann man von der EUGT erwarten?

Selbstverständlich sollte man die Bemühungen des EUGT nicht verdammen, ehe man sie kennt. Nach Angaben des Geschäftsführers stehen eigene Untersuchungen zur Belästigung durch Verkehrslärm, zur gesundheitlichen Wirkung von Biodieselpartikeln und zu Stickstoffdioxiden an. Für uns wäre interessant, ob wir folgende Meldungen in Zukunft auch über das EUGT erfahren werden:

Stickoxide

Meldung: Unterschätzt werden noch immer die Gesundheitsschäden, die durch Stickoxide, insbesondere -dioxide verursacht werden. Insbesondere Dieselfahrzeuge stoßen große Mengen NOX aus, insgesamt emittiert der Kfz-Verkehr immer mehr Stickoxide. NO² führt zu Entzündungen der Atemwege, bei länger anhaltender Konzentration nimmt die Zahl der Herzrhythmusstörungen und Infarkte zu. Allergien werden – zusammen mit Rußpartikeln – verstärkt (Stickoxide sind bei der Entstehung von Partikeln und Ozon beteiligt.) (1)

Lackmustest für die EUGT: Die Autoindustrie setzt z.Z. auf Rußpartkelfilter, um das öffentliche Interesse und die Sorgen auf eine technische Lösung zu bündeln. Partikelfilter helfen jedoch nicht gegen NOX, sie erhöhen sogar leicht deren Ausstoß. Helfen würde hier Kfz-Verkehrsverlagerung und –verringerung sowie Tempolimits: Lösungen, die tendenziell den Umsatz der Gründer der EUGT schmälern.

Rußfilter und kleinere Partikel

Meldung: Die Max-Planck-Gesellschaft hat nachgewiesen, dass die kleinen Nanopartikel aus modernen Dieselmotoren, die der Euro IV-Norm entsprechen, mehr Zellen der menschlichen Immunabwehr töten als die ungefähr doppelt so großen Teilchen von älteren Motoren, deren Abgase in dicken, schwarzen Wolken aus dem Auspuff quellen. Die Erklärung: Kleinere Partikel haben eine größere Oberfläche und reagieren aggressiver als größere Teilchen. Die Abgasnormen sind auf das Gewicht der ausgestoßenen Partikel und weniger auf deren Größe fokussiert; die Rußfilter sind entsprechend den Normen entwickelt worden. (2)

Lackmustest für die EUGT: Diese Erkenntnis passt so wenig in die Geschäftsinteressen der EUGT-Gründer wie die immer wiederkehrenden Meldungen, dass Katalysatoren nur sehr eingeschränkt auf Kurzstrecken wirken und schnell altern. Ebenso unangenehm dürfte die Meldung im Januar gewesen sein, dass Großstadtluft im Allgemeinen und insbesondere Kleinstpartikel die Erbsubstanz von Spermazellen bei männlichen Mäusen verändern. Diese Information dürfte insbesondere männlichen Autofahrern unangenehm aufstoßen. Frauen werden dagegen wohl eher unruhig werden, wenn sie erfahren, dass sich Feinstaubbelastung das Geburtsgewicht von Babys senkt. (3)

Interessanter Aspekt bei der Spermauntersuchung ist, dass ein beteiligter Wissenschaftler betonte, dass das Problem bereits seit acht bis zehn Jahren bekannt sei und man erst jetzt reagiere. – Es erscheint äußerst fraglich, ob die EUGT als „Beschleuniger“ bei der Verbreitung solcher Informationen arbeiten wird.

Lärm

Meldung: Insbesondere nächtlicher Lärm hebt das Bluthochdruckrisiko deutlich. Dies gilt nicht nur langfristig, sondern auch direkt in der verlärmten Nacht, selbst wenn man nicht aufwacht. Die von der EU-Kommission beauftragte Studie ließ keinen Unterschied zwischen Flug- und Kfz-Lärm erkennen. (Bluthochdruck ist ein entscheidender Risikofaktor u.a. für Herzinfarkte und Schlaganfälle.) Menschen, die durch nächtlichen Lärm belästigt werden, müssen sich deutlich häufiger als unbelastete Personen Blutdrucksenker, Antidepressiva und Beruhigungsmittel verschreiben lassen. – Neben diesen Schicksalen ist zu bedenken, dass hier steigende Gesundheitskosten auch durch Nichtmotorisierte mitfinanziert werden. (4)

Lackmustest für die EUGT: Leider gibt es keinen Schalldämpfer für Kfz. Den wird es auch in Zukunft nicht geben, denn die Reifengeräusche übertönen ab bestimmten Tempi die Motorengeräusche. Sicher gibt es lärmarmere Reifen, jedoch würden Tempolimit und Kfz-Verkehrsvermeidung deutlich schneller und effizienter helfen.

Soziale Gerechtigkeit

Meldung: Nicht alle Menschen sind gleich stark durch die Auswirkungen des Verkehrs gesundheitlich belastet. Bewohner von Innenstädten/ Anlieger an Hauptverkehrsstraßen werden stärker geschädigt. In New York werden die Bewohner an großen Straßen doppelt so häufig bei sozialen Aktivitäten durch Verkehr unterbrochen als die Bewohner von Nebenstraßen. (5) Bewohner von Großstädten sterben durchschnittlich zehn Monate früher als andere Menschen (6) Klar dürfte sein, dass die betroffenen in der Regel zu den Einkommensschwachen gehören.

Lackmustest für die EUGT: Diese Zusammenhänge zu erforschen dürfte nicht zum Profil der EUGT gehören. Mit Informationen darüber will man sicherlich nicht die Käufer der eigenen Premiumprodukte belästigen, deren Erfahrungshorizont das auch übersteigen dürfte.

Umwelt-/ Mautzonen

Meldung: Schon in 100 Meter Entfernung von einer Straße, auf der viel Feinstaub ausgestoßen wird, lässt die Belastung deutlich nach. Restriktive Umweltzonen können also die Gesundheit verbessern. Bewiesen wurde das u.a. 1996 in Atlanta zur Olympiade und 2002 in Korea zu den Asienspielen. Unter den Verkehrsbeschränkungen gingen die Asthmaerkrankungen deutlich zurück. (7)

Die Londoner Mautzone schenkt den Bewohnern der Innenstadt 16 Stunden mehr Lebenszeit allein durch die Reduktion der Stickoxidbelastung – die zusätzliche gewonnenen Lebenszeit durch die Senkung der Partikel wurde leider nicht berechnet. (8)

Lackmustest für die EUGT: Solch positive, pragmatische Nachrichten sind wohl kaum von der EUGT zu erwarten. – Wir werden die Aktivitäten des EUGT beobachten und Ihnen berichten!

Hintergrund: DVR-Finanzierung

Der DVR ist ein deutsches Paradebeispiel, wie die öffentliche Hand beim Gesundheitsaspekt „Verkehrssicherheit“ die Interessen von Konzernen und Lobbyverbänden bezuschusst. Von den elfeinhalb Millionen Euro, die der DVR im Jahr 2006 ausgeben konnte, stammte die Hälfte aus Beiträgen der Berufsgenossenschaften und ein knappes Drittel aus dem Haushalt des Bundesverkehrsministeriums. Diese Mittel werden in der Regel in harmlose („Hast Du die Größe? Fahr mit Verantwortung“), oder verharmlosende Kampagnen („Was tun, wenn’s gekracht hat?“) gesteckt, die wiederum auch von den DVR-Mitgliedern initiiert und organisiert werden.

Lediglich jeder zwanzigste Euro stammt aus Mitgliedsbeiträgen. Zu den Mitgliedern gehören u.a. neben den Autofahrerverbänden die EUGT-Gründer BMW, Daimler und VW. So fließt das Geld, das der Staat für Verkehrssicherheitsarbeit an Verbände ausgibt, in die Hände von DVR und Verkehrswacht, die es unter sich aufteilen. „Alternative“ Verbände schauen dabei in die Röhre.

In Kürze

Automobilkonzerne haben ein Institut zur Erforschung der Zusammenhänge von Gesundheit und Verkehr gegründet. Wir untersuchen die Interessenslage der Geldgeber, weisen auf neue Ergebnisse hin und formulieren Erwartungen an das Institut.

Quellennachweise

  1. VCÖ, Fact-Sheet 2/2008: Stickoxide – eine unterschätzte Gesundheitsgefahr, www.vcoe.at
  2. Dang Sheng Fu u.a.: Cytotoxity and Inflammatory.., in: Environmental Science & Technology online, 25.1. 2008
  3. Environmental Health Perspectives, Online-Ausgabe Juni 2007
  4. Umweltbundesamt: Presse-Information 3/2008
  5. Transport Alternatives: Traffic’s human toll, Okt. 2006
  6. Umweltbundesamt, 29.8.07 unter Berufung auf eine WHO-Studie
  7. Helmholtz Zentrum München, 5.3.2008
  8. Medical Tribune 3.3.2008

Weitere Informationen:

 

Dieser Artikel von Stefan Lieb ist in mobilogisch! , der Vierteljahres-Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung, Heft 3/2009, erschienen.

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