In einer kleinen Reihe werden an dieser Stelle in der nächsten Zeit literarische und andere anregende Texte oder Textpassagen zum Thema „Gehen“ in Kurzform vorgestellt: Welche Aspekte und Gedanken stehen jeweils im Vordergrund, wie und von wem wurden über die Jahrhunderte zum Thema Gehen solche Reflexionen, Beschreibungen oder Stimmungsbilder verfasst? 

Hier können Sie zu den Schriftsteller/innen springen, die mit dem Buchstaben
B  C  D  E ... beginnen.

Buchstabe A

Chinua Achebe, 1958: Alles zerfällt

Eine sorgfältig recherchierte Geschichte, die sich im Südosten Nigerias und in vorkolonialer Zeit bis zur afrikanisch-europäischen kolonialen Begegnung (um1890) zutrug. Es ist der erste Band einer Trilogie, die das Leben in den sieben Urwalddörfern eines Klans bis zur erfolgten Kolonialisierung erzählt. Die Hauptfigur des ersten Teils ist Okonkwo, der als Strafender und selbst gestrafter Klanführer die alten Regeln beachten und erhalten will.

Gehen ist die selbstverständliche Fortbewegungsart, getragen werden jüngere Kinder, Kranke und Lasten. Gehen ist also gar nicht der Erwähnung wert – außer in besonderen Situationen, weil ein Kind auf dem Rücken einer Priesterin in der Nacht zum Gott in den „Hügeln und Höhlen“ getragen wird. Die Mutter des Mädchens entscheidet sich trotz der großen Dunkelheit infolge einer Regenwolke hinterherzulaufen. „Dauernd rannte sie links oder rechts gegen dichtes Gewächs und Schlingpflanzen am Wegrand. Einmal stolperte sie und fiel hin. ... Sie schloss kurz die Augen und riss sie dann weit auf im Bemühen etwas zu sehen. Doch es war zwecklos. Sie sah nicht über ihre Nase hinaus.“ (S. 120) Übersetzung aus dem Englischen, erschienen 2012 als Taschenbuch im Fischer Verlag.

Anna Achmatova, 1940: Vierzeiler

Der eine schreitet geradeaus, der andre geht im Kreise und sucht sein Weib, sein Vaterland, das Ende seiner Reise.
Mein Lebensweg ist lang und schwer, und ich erreiche leise das Nirgendheim, das Nimmermehr – wie Züge vom Geleise.

Übersetzung aus dem Russischen, auf Deutsch „Im Spiegelland. Ausgewählte Gedichte.“ Verlag Piper S. 98

Theodor W. Adorno, 1951: Immer langsam voran

Den Einstieg macht die Vorstellung eines scharfsinnigen Kurztextes aus den wunderbaren „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ von Theodor W. Adorno, Philosoph und Sozialwissenschaftler. Im Dritten Teil dieser Sammlung aus den Jahren 1945/46 (Erstveröffentlichung 1951) ist der Abschnitt 102 „Immer langsam voran“ überschrieben. 

Warum immer langsam? 

Der Zeitraum der Entstehung des Textes ist sicher eine Erklärung für diese Frage. Denn im Nachkriegsalltag - nach all den unterschiedlichen individuellen Erfahrungen von Verfolgung und Flucht, Emigration wie bei Adorno, Krieg und Bombardements - ist es verständlich, wenn das Rennen auf der Straße mit Gefühlen der Gefahr und des Schreckens verbunden war. Wobei sich Rennen und Laufen in der Bedeutung unterscheiden. Rennen sieht Adorno verbunden mit der Flucht vor Gefahren - vormals vor wilden Tieren, dann vor menschlichen Verfolgern und schließlich im zunehmend von Automobilen beherrschten Straßenverkehr, in dem er die Verkehrsordnung für den Schutz von Fußgängern als nicht ausreichend erlebt. 

Das in seinen Worten bürgerliche Gehen ist für ihn dagegen verbunden mit der guten alten Zeit: „Menschenwürde bestand auf dem Recht zum Gang, einem Rhythmus, der nicht dem Leib von Befehl oder Schrecken abgerungen wird. Spaziergang, Flanieren waren Zeitvertreib des Privaten, Erbschaft des feudalen Lustwandelns im neunzehnten Jahrhundert.“  

Die Jugend dagegen zog statt einfachem, schlichtem Gehen und insbesondere dem familiären Spazierengehen die Herausforderung von Kraftanstrengungen auf langen Wegen vor.   

Ein kurzer Text, der um so länger zum Nachdenken reizt. Wie das bei Adorno eben so ist. Er regt an zu Betrachtung und Unterscheidung einer Vielzahl von Formen des menschlichen Gehens oder des Rennens, Laufens, Stolperns oder Schreitens …

Damit bildet er gleichsam eine Einleitung für die Vorstellung von literarischen und anderen Texten, die in der nächsten Zeit an dieser Stelle erscheinen werden.

Verwendete Quelle: Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1704, 8. Auflage 2012, S. 184 - 185 

Tschingis Aitmatov, 1958: Dshamilja.

Louis Aragon bezeichnet in seinem Vorwort diese Erzählung als die schönste Liebesgeschichte der Welt:
Sie trägt sich während des zweiten Weltkriegs in den kirgisischen Bergen und Steppen zu. Es ist die Zeit der Kolchosen, die für die Frontversorgung zuständig sind. Aus der Sicht eines Schuljungen, der in den Sommerferien auch zur Arbeit herangezogen wird, erfahren wir, wie er und seine Schwägerin, die in den langen Familienbriefen von ihrem Mann von der Front gerade mal einen knappen Gruß erhält, einen heimgekehrten Kriegsversehrten und dessen überwältigende Stimme und Lieder nach und nach kennen und schätzen lernen. Und wie das bei einer Liebesgeschichte so vorkommt, geht dieses Paar irgendwann seinen gemeinsamen Weg.

Nur der Junge sieht aus der Ferne, wie die beiden heimlich weggehen: „Und plötzlich sah ich zwei Menschen, die anscheinend über die Furt wollten. Es waren Dshamilja und Danijar. ... Jetzt gingen sie durch den mit Weidengestrüpp bewachsenen Hohlweg, .. Danijar und Dshamilja gingen, ohne sich umzuschauen, in Richtung der Bahnlinie ... Ihre Köpfe tauchten noch ein-, zweimal zwischen dem Weidengebüsch auf, dann waren sie verschwunden.“ (S. 94 f.) Der Junge aber verriet die beiden und ihren gewählten Weg nicht an die sie suchenden Dorfbewohner.

1958 aus dem Kirgisischen übersetzt und auf Russisch erschienen;1962 Übersetzung ins Deutsche für den Insel Verlag; hier verwendet die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg.

Sophie Albrecht, 1797: Das höfliche Gespenst

Der dreißigjährige Krieg herrscht, auch der Verlobte der sehr jungen Katharina von Hartig wird im Krieg getötet. Die junge Frau lebt allein mit ihrer Dienerschaft in Prag.
„Die einzige Linderung ihrer Leiden gab ihr der Gedanke an ermüdende Spaziergänge.“

Doch das große Prag wurde ihr zu klein, sie zog auf ein geerbtes Landgut an der Moldau. „Wurde es ihr zu enge in ihren Mauern, da nahm sie ihren Schleyer, und machte oft stundenlange Spaziergänge, um ihren Schmerz durch Müdigkeit abzustumpfen. In diesem Mittel lag ihr fast immer Heilung.“Sie besuchte hin und wieder eine Tante, die in einem der nahe gelegenen Frauenklöster lebte. Während die jugendliche Katharina gerade die Abendstunden draußen genoss, warnte die Tante bei ihren Besuchen insbesondere vor Spaziergängen nach Anbruch von Dämmerung und Dunkelheit. Doch als die Tante wieder in ihre Kloster zurückgekehrt war, begegnete Katharina auf ihren einsamen Gängen zu einer kleinen Marienkapelle erstmals einer jungen Frau, einer Gräfin Ida
...
Im alten Böhmen gab es viele Burgen und viele Geschichten um diese und ihre Bewohnerschaft. Und hier eben eine, die offensichtlich gerade die jungen Frauen vor „einsamem“ Spazierengehen warnen will …

Enthalten in der Sammlung Gutenberg

Alfred Andersch, 1952: Die Kirschen der Freiheit

Am 6. Juni 1944 begann für den Erzähler die Freiheit, zu Fuß, nachdem er gerade sein letztes Armeeeigentum, ein Fahrrad, an einen jungen italienischen Bauern verschenkt hatte . „Mit einem gemurmelten ,Addio’ und ,Buon viaggio’ trennten wir uns, ich stieg ins Tal hinab, das mich endgültig von der Straße des Krieges trennte, ...“ (S.121)

Er ging schließlich los, „begann seinen Marsch durch die Wildnis. Hinab ins Flusstal, die zerzackten Felsen, die Hügel mit den Bäumen.“ (S.128) Er stieg hinab in die Täler und bahnte sich einen Weg durch die Macchia. Den Rest seiner Ausrüstung warf er in die Getreidefelder.

Trotz brennender Mittagssonne und völlig verschwitzt schlug er sich durch das Dornengestrüpp. Und schließlich fand er einen wilden Kirschbaum, unter dem er sich ausruhen und die reifen Kirschen genießen konnte: Nun sein Inbegriff von Freiheit.

(S.130) Auch wenn dieses Glück nur eine kleine Auszeit aus dem Kriegsalltag war, in den er später als Gefangener der Alliierten wieder einbezogen wurde.

Diogenes, Zürich 1976

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Buchstabe B

Maria Barbal: Wie ein Stein im Geröll 

1985 in Spanien erschienen und 2007 in deutscher Übersetzung im Transitverlag veröffentlicht.

Von 1936 bis 1975 herrschte in Spanien die Diktatur des Militärs unter General Franco. In dieser Zeit lebt die Hauptfigur Conxa in Ermita, einem abgelegenen Dorf der Pyrenäen. 

Mit 13 Jahren musste sie für einige Zeit das Elternhaus verlassen, um bei Verwandten mitzuhelfen und die eigene Familie zu entlasten. Auf dem mühseligen Weg zur Tante stolperte sie hinter dem Onkel her, der auf dem Maultier saß: Die von der Schwester geliehenen Schuhe waren zu groß und das Mädchen scheuerte sich die Füße wund. Lange Fußmärsche wie der zum Markt im nächsten größeren Ort blieben für sie üblich, aber nicht beliebt. 

Eine Ausnahme stellt der Weg zum Vieheintrieb mit ihrem Mann Jaume dar, auf dem sie einmal in Ruhe reden konnten. “Am Abend würde ich bestimmt völlig erschöpft ins Bett fallen, aber jetzt hatte ich nur Freude daran, draußen zu sein, von einem Felsen zum anderen zu springen, durch den Bach zu waten, den Brennnesseln auszuweichen.“ (S. 72) 

Doch was sie tatsächlich erwartet in der nächsten Zeit, ist weitaus schlimmer: Sie wird wie viele andere Frauen zu Zwangsarbeit verschleppt, ihr Mann wird von den Franquisten ermordet. Viele Wochen später auf dem Weg zurück nach Hause, „zu Fuß, da war uns, als sähen wir alles zum ersten Mal. Überall blühte die Waldrebe. … Ich riß ein Büschel blühendes Seifenkraut heraus, und dieser unglaublich süße Duft erfüllte mich mit einer solchen Freude, daß ich in Tränen ausbrach.“ (S. 124)

B

Walter Benjamin: Die Wiederkehr des Flaneurs

Erstveröffentlichung dieser Besprechung des Buches „Spazieren in Berlin“, erschien in der Zeitschrift „Die literarische Welt“ vom 4.10.1929.

Flanieren spielte in den zwanziger Jahren in Berlin eine wichtige Rolle - zumindest für diejenigen, die es sich leisten konnten. Das führte wiederum zum Schreiben über das Flanieren. 

So erschien von Franz Hessel, einem engen Freund von Walter Benjamin, das Buch „Spazieren in Berlin“. Besonders wichtig erscheint Benjamin in seiner Besprechung des Buches, dass Hessel erzählt und zwar das, was ihm als Kind schon von der Stadt erzählt wurde. Damit erfasst er dieses epische Buch als „ein Memorieren im Schlendern“. Dabei erscheint sein Ansatz sehr aktuell, denn wie im aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurs (vgl. Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Quelle von Weltbeziehung, 2016) erkennt er die Bedeutung von Gehen als Quelle von Resonanz: “Im Asphalt, über den er hingeht, wecken seine Schritte eine erstaunliche Resonanz.“ Und dann etwas  rätselhaft: „Das Gaslicht, das auf das Pflaster herunterscheint, wirft ein zweideutiges Licht über diesen doppelten Boden.“ 

Eine direkte Gebrauchsanweisung versteckt sich dann in der Bezeichnung der Stadt „mnemotechnischer Behelf des einsam Spazierenden“. 

Damit ist nicht der gesamte Inhalt der Besprechung wiedergegeben, aber hoffentlich ist die Neugier geweckt.

Verwendete Quelle: Walter Benjamin, Angelus Novus. Ausgewählte Schriften 2, Frankfurt 1988, Suhrkamp, 416 – 421. Oder auch in: Walter Benjamin: Stadt des Flaneurs., Berlin 2005, be.bra verlag.

B

Thomas Bernhard: Gehen

Zum Glück sind es nur rund 100 kleine Taschenbuchseiten, was es ermöglicht, das Büchlein in die Mantel- oder Jackentasche zu stecken und loszugehen. Denn zu gehen ist zumindest für mich die passende und einzig erträgliche Situation, in der dieses Büchlein lesbar und lesenswert wird. Der Bernhardsche mäandernde Stil, den viele Wort- und Strukturwiederholungen prägen, gehört bzw. passt am besten zum Gehen. Mäandernd bedeutet hier, dass es unzählige Wiederholungen und Variationen der immer wieder ähnlichen Grundaussagen gibt. Für die zwei Männer, die gemeinsam gehen und dabei ihre verstorbenen Freunde in einer zu ihnen passenden Weise betrauern, gehört Gehen und Denken zusammen, ist sogar gleichzusetzen. Dies ermöglicht es zu Schlussfolgerungen zu kommen wie der, dass letztlich der österreichische Staat an den verstorbenen Freunden gescheitert ist und diese wiederum am österreichischen Staat. In der Konsequenz bleiben immer weniger Gehgefährten, so dass die zwei Weggenossen immer eingeschlossener in ihrer Welt sind. Nun sprechen sie beim Gehen über die, die nicht mehr mit ihnen gehen, zum Beispiel Karrer, der in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde. Ausführlich wird der letzte gemeinsame Gang mit Karrer erzählt bzw. erörtert, bei dem möglicherweise die Auseinandersetzung mit einem Verkäufer von „höchstwertigsten“ Hosen bzw die Erregung über dessen Sprachgebrauch führte.

Empfehlung: Im Gehen zu lesen, so dass Sie auch Sätze wie S. 88 genießen können: „Wenn ich gehe, sagt Oehler, denke ich und behaupte ich, ich gehe und auf einmal denke ich und behaupte ich, ich gehe und denke, weil ich das denke, während ich gehe.“

Quelle: Erstmals 1971 bei Suhrkamp erschienen, hier wurde nach der 22. Auflage von 2015 zitiert.

B

Heinrich Böll: Der Engel schwieg

Erstveröffentlichung aus dem Nachlass 1992, im Jahr 1997 beim Deutschen Taschenbuch Verlag, München als dtv12450 erschienen.

Eigentlich wird ja bei Böll mehr gefahren, gern mit dem Auto oder wenigstens mit dem Zug, der Tram oder zumindest dem Fahrrad. Doch dieser kleine Roman aus dem Nachlass handelt von den Tagen um den 8. Mai 1945 herum, deshalb wird notwendigerweise auch bei Böll viel gegangen.

Was heißt gegangen: Im zerbombten Köln, seiner Heimatstadt, türmen sich Schutt und Dreck bis zu den ersten Stockwerken der leergebrannten Fassaden und aus manchen Straßenzügen kommt noch Qualm (vgl. S. 43). Der Kriegsrückkehrer mit den verwirrend vielen falschen Namen braucht „fast eine Stunde für einen Weg, den er früher in zehn Minuten hatte gehen können“. Und: „Er kletterte vorsichtig über die Trümmer in die Rubensstraße hinein.“ … Der weitere Weg führt ihn durch Trümmer anderer Art, nämlich „mit dichtem Grün überwucherte Hügel, auf denen kleine Bäumchen wuchsen, dichtes buntes Unkraut kniehoch - sanfte kleine Hügel, zwischen denen die Straßen wie Hohlwege erschienen, friedliche ländliche Hohlwege …“ (S. 54)

B

Bertolt Brecht: Zwei Fahrer (in den Geschichten vom Herrn Keuner)

Dass Bertolt Brecht auch und gerne zu Fuß ging, ist aus seiner langen Freundschaft mit Walter Benjamin zu schließen. Auf jeden Fall hatte sein Herr Keuner schon über den Straßenverkehr nachgedacht, als er zwei Theaterleute vergleichen sollte und dazu das Beispiel von Autofahrenden heranzieht. Eine gute Fahrweise erkenne er danach nicht bei dem Fahrer, der geschickt und kühn seinen Weg zwischen den Fahrzeugen zu finden sucht. Stattdessen zieht er eine Fahr-= Verhaltensweise vor, die am gesamten Verkehr ausgerichtet ist: „Er nimmt nicht seine Rechte wahr und tut sich nicht persönlich hervor. Er fährt im Geist mit dem Wagen vor ihm und dem Wagen hinter ihm, mit einem ständigen Vergnügen an dem Vorwärtskommen aller Wägen und der Fußgänger dazu.“ (S. 66)

Verwendete Quelle: Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Erschienen als Suhrkamp Taschenbuch 16, Zehnte Auflage 1979

B

Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau. Eine Reise zu Fuß

Zwischen Losgehen und Ankommen liegen fast drei Monate, rund tausend Kilometer, viele Blasen und Pflaster, viele Begegnungen und Erlebnisse. Noch am ersten Tag der Fußreise versorgte der Geher sich mit einer kleinen Schere, die für das Schneiden von Pflastern zur Vermeidung von Blasen. Und das hat geholfen. Unterwegs leerte er seinen Startrucksack, tauschte ihn dann gegen einen kleinen, der nur noch das Notwendigste enthielt und kam tatsächlich in Moskau an. Immer wieder erhielt er neben Unverständnis auch viel freundliche Unterstützung und immer auch Gelegenheit zum Lernen. Bevorzugt ging er die alten Wege, oft eintönige Pisten durch riesige Wälder. Beim Gehen empfand er sich als Teil dieser Eintönigkeit, so dass er sie nicht spürte. (Vgl. S.104) 

Die letzten Kilometer vor Moskau ging er so schnell, wie er noch nie gegangen war: „Um zwanzig nach vier flog ich an einem Schild vorbei: Moskau 2,7 Kilometer. Niemand ging außer mir, wirklich niemand. … Der Lärm um mich her war sehr groß, aber ein Jubel kam auf, der war größer, er kam aus den Sohlen meiner Stiefel, er kam aus den Waden und aus den Schienbeinen. …“ (S. 218)

Nun, ein Adrenalinschub, der ihn das Ortsschild umarmen ließ. 

Ersterschienen bei Rowohlt 2004, hier verwendete weitere Ausgabe von 2006/2007 vom SPIEGEL-Verlag

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Buchstabe C

Giacomo Cacciatore, 2007: Der Sohn

Ein kleiner Mafiaroman, der die Verführungsstrategien gegenüber den Familien der Angeworbenen genauer darstellt: angefangen mit köstlichen Törtchen, Farbfernseher und den Tröpfchen für die nervöse Dame. Der aber auch Handlungsstrategien zum Ausstieg aus dem System anreißt.

Solch eine Strategie fällt nicht in den Schoß, das lässt sich auch nicht alles in den Pasticcerias von Palermo und mit dem Cinquecento erledigen. Da wird schließlich auch eine Verfolgung zu Fuß notwendig, zuerst als der so um die zwölf Jahre alte Sohn dem Vater hinterhergeht, um ihn zu retten. „Kaum fährt das Auto davon, kehrt Giovanni dem Schultor den Rücken. ... Giovanni macht zwei Schritte entlang der Schulmauer, dann werden es zehn. Er muss vom Bürgersteig herunter. Und nicht einmal daran denken, wie es wäre, einfach nach Hause zu gehen ...“ (S.90) Einige Jahre und fünfzig Seiten später eine andere Szene, in der Giovanni erneut die Verfolgung aufnimmt. Der Cinquecento funktioniert nicht mehr und aus dem Fenster sieht er den Vater zu Fuß losgehen. Der inzwischen fast erwachsene Sohn ist bemüht den Vater nicht zu verlieren, „der rasch vor sich hin marschiert und ein ums andere Mal zwischen Leuten verschwindet und wieder auftaucht“... (S.143) So richtig glücklich kann eine solche Geschichte nicht enden, aber sie zeigt Möglichkeiten auf. Und dazu trägt auch das zu Fuß gehen bei.

Erschienen 2007 bei Einaudi, Turin, und 2008 auf Deutsch im Rowohlt Verlag.

C

Albert Camus: Der Gast

Algerien im Winter, es liegt Schnee auf der Hochebene, auf der ein Lehrer in einem kleinen Schulhaus lebt und arbeitet. Der Ausblick geht über die öde Hochebene mit verstreuten Dörfern, in denen die rund zwanzig Schulkinder leben. Richtung Süden fällt das Hochplateau ab, es zeigen sich Ausläufer des Gebirges und und das Tor der Wüste.

Zwei Männer, einer auf einem Pferd, stapfen inmitten von Steinen durch den Schnee zum Schulhaus, in dem wegen des Schneefalls kein Unterricht stattfindet. Der Mann auf dem Pferd ist der alte Gendarm mit italienischem Namen, er führt an einem Strick den zu Fuß Gehenden, einen Araber mit gefesselten Händen, der nur mit einer Djellabah und mit Sandalen über den Wollsocken an den Füßen bekleidet ist.

Der Gendarm kehrt rasch auf dem Pferd zurück. Den Gefangenen lässt er gegen Unterschrift bei dem Lehrer und verlangt, dass dieser ihn am nächsten Tag zur frankoarabischen Gemeinde bringen solle, was dieser aber klar ablehnt. Er befreit stattdessen seinen fiebernden Gast von den Fesseln, bereitet warmes Essen und eine Schlafstelle im Haus.

Am folgenden Morgen bringt er den Mann, der sein Gast wurde, auf eine Anhöhe und zeigt ihm die zwei möglichen Wegrichtungen, eine in den Ort mit der Gerichtsbarkeit und die andere zu den Nomaden. Er überlässt ihm außerdem Proviant und Geld. Dann geht der Lehrer zurück zur Schule: „Ein paar Minuten lang hörte er nur seine eigenen Schritte, die hart auf der kalten Erde aufklangen.“ …

Aus dem Französischen übersetzt und erschienen auf Deutsch 1961 in dem Band „Kleine Prosa“ im Rowohlt Verlag.

C

Elias Canetti, 1968: Die Stimmen von Marrakesch

Im Jahr 1954 begleitete Elias Canetti ein Filmteam nach Marrakesch, der alten Hauptstadt von Marokko. In seinem Buch „Die Stimmen von Marrakesch“ schildert erEindrücke und Erlebnisse, die er bei seinen Wanderungen machte.Er streifte dabei insbesondere durch die Mellah, das traditionelle jüdische Viertel in der Nähe der Altstadt.

Eine besondere Begegnung hat er in einer dicht belebten Gasse, die tiefer in die Mellah hineinführt: „Ein uraltes, völlig verwittertes Weib schlich daher ... Ihre Augen waren starr in die Ferne gerichtet, sie schien genau zu sehen, wohin sie ging. Sie wich niemandem aus ... Sie ging ganz langsam ... Die Furcht, die sie einflößte, war es wohl, die ihr die Kraft zu ihrer Wanderung gab.“ (S. 45)

Erschienen im Carl Hanser Verlag

C

Rosario Castellanos, 1962: Das dunkle Lächeln der Catalina Diaz

Die Verletzlichkeit von Gehenden, insbesondere Frauen, die oft zu Fuß und mit Lasten beladen unterwegs sind, stellt die in Mexiko sehr bekannte Schriftstellerin dar, die selbst aus dem südlichen Bundesstaat Chiapas stammt. Wir erfahren gleich zu Beginn, wie es einer jungen Tzotzilfrau Ende des 19. Jahrhunderts ergeht, die zum Markt in die nächste Stadt unterwegs ist. Zuerst ein Überfall durch Ladinas, mexikanische Frauen, die den Tzotzilfrauen die Waren stehlen wollen. Dann die zweifelhafte Rettung: „Marcela Gomez Oso war eine derer, denen die Flucht gelang.

Mit den hastigen flinken Bewegungen eines an Verfolgung und Gefahr gewöhnten Tieres huschte Marcela durch die kopfsteingepflasterten Gassen von Ciudad Real (heute San Cristobal). Immer noch ihr Bündel geschultert, hielt sie sich strikt in der Straßenmitte, denn ihrer Rasse war es untersagt, den Gehsteig zu benutzen.“ Damit ist das Thema eingeführt: Der aufrechte Gang war damals und teilweise heute noch keine Selbstverständlichkeit, der knappe Platz zugewiesen. Der weitere Erzählverlauf zeigt dramatisch, welche Unmenge an Ballast der Vergangenheit immer noch schwer wiegt.

Aus dem mexikanischen Spanisch übersetzt und auf Deutsch erschienen 1993 im Europaverlag Wien – Zürich

C

Rafael Chirbes, 2013: Am Ufer

Wer zu Fuß geht, kommt auch an nicht so gut einsehbare Orte: Und so entdeckt der seit einem Monat arbeitslose Ahmed auf seinem bis dahin täglichen Spaziergang an der Sumpflagune ein Stück Aas. Wozu es gehört und wie es überhaupt dazu kommt, erfahren wir in einer komplexen Erzählung über das Leben in der heftigen Wirtschaftskrise Spaniens mit Korruption, Bauskandalen und massiver Arbeitslosigkeit in einem kleinen Ort im Süden des Landes.

Aus dem Spanischen übersetzt 2014, Taschenbuchausgabe bei btb

C

Miguel de Cervantes Saavedra: Freunde gewinnen.

Wie ein Drehbuch für einen gewitzten Film Noir im barocken Spanien erscheint diese knappe Erzählung, bei der der knappe Platz auf Straßen tödlich endet: Der zwielichtige Held, der sich als Fremdling aus Polen ausgibt, kommt als Tourist nach Lissabon. Gleich am ersten Abend, zu Fuß auf der Suche nach einer besseren Herberge, kommt er in einer Straße an einer engeren Schmutzecke vorbei. Er wird so heftig von einem Einheimischen angerempelt, dass er sich auf dem Boden abstützen muss. Er zürnt und „vertraut seine Rache dem Schwert an“, der Angreifer fällt zu Boden. Der Fremdling flieht: Er stürzt in das erste herrschaftliche Haus hinein, das er sieht und in dem eine ältere Frau krank im Bett liegt. Sie heißt ihn sich zu verstecken, erfährt kurz darauf durch ihren Diener von der gerade erfolgten Ermordung ihres Sohnes, verleugnet aber anschließend die Anwesenheit des zuvorvon ihr gut versteckten Fremden vor den eintretenden Häschern. Schließlich hilft sie dem Fremdling auch noch ganz praktisch zur Flucht, versorgt ihn mit Geld und ermahnt ihn, sich ruhig zu verhalten. Dieser wischte sein Schwert ab „und ging ruhigen Schrittes weg; eher zufällig gelangte ich auf eine Hauptstraße, wo ich meine Herberge wieder erkannte ...“ (S. 103)

Erstmals 1617 veröffentlicht im Phantasieroman „Los Trabajos de Persilis y Sigismunda“. Aus dem Spanischen übersetzt und bei dtv 1995 erschienen im zweisprachigen Band „Barocke Erzählungen aus Spanien“.

C

Teju Cole, 2011: Open City.

Begegnen wir in diesem Buch dem Flaneur des 21. Jahrhunderts? Es gibt genügend entsprechende Stimmen und tatsächlich liegt dieser Bezug auf der Hand. Doch worum geht es?

Ein junger Mann, Psychiater am Übergang seiner Facharztausbildung zur eigenen Praxis, durchstreift allein und meist am Abend insbesondere Manhattan, aber auch andere Gegenden, manchmal so weit, dass er mit Bahn zurückfahren muss.

Begonnen hat er damit als Ausgleich zur strengen Reglementierung bei der Arbeit, er schätzt die Freiheit bei diesen Gängen und den therapeutischen Wert vom Gehen, den er auch zum Erinnern und Verstehen nutzt. Dabei erlebt er nicht nur angenehme Situationen und hat auch nicht nur angenehme Begegnungen. „Die Fußgängerbrücke war voller Leute. .. Wir marschierten im Gleichschritt, die Pendler in ihrem Schwarz und Grau, ihren hochgezogenen Schultern und hängenden Köpfen, ich mittendrin. ... Wir waren zusammengepfercht, wie Tiere, Schlachtvieh.

Warum war es überhaupt erlaubt, Tiere so zu behandeln?“ (S. 79) Cole erspart uns aber auch nicht die Erfahrungen mit Gewalt – weder als Opfer noch als Täter: So wird der Spazierende in einem New Yorker Park brutal überfallen – von Jungs, mit denen er kurz vorher noch einen Gruß ausgetauscht hat…

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und auf Deutsch erschienen 2013 bei Suhrkamp, Berlin. Taschenbuchausgabe

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Buchstabe D

Sigrid Damm, 2000: Diese Einsamkeit ohne Überfluss

Unweit von Glasgow verbringt die Erzählerin eine längere Auszeit, um an einem anderen Ort eine andere Aufgabe zu übernehmen. Es ist Winterende, der Frühlingsbeginn schon spürbar. Und ihr gefällt die Umgebung, die zu Wanderungen und Erkundungen reizt. So führt eine Bergwanderung im Hochland zum legendären Tal der Tränen. Sie lernt die kleinen Besonderheiten Schottlands kennen - keine Wegmarkierungen, keine Wegweiser. Ihre Wegbegleiterin kommentiert dies nur nebenher: „Wenn alles abgesichert sei, mache es keinen Spaß.“ (S. 94) Also keine ausgeschilderten Wanderpfade, sondern „die Füße den Weg suchen lassen: Von Tieren getretene Pfade, zu übersteigendes Geröll, zu überquerende Wasserläufe, eine ebene Fläche mit Geröll aus rund geschliffenen Steinen: „Beim Weitergehen das dumpfe Rollen der Steine unter unseren Bergschuhen, das Knirschen unserer Schritte. Echo.“ (S. 94) - Der zu erwandernde Weg als das eigentliche Ziel …

Übrigens: Beim Weiterstöbern in ihren Büchern findet sich die Frage „Wohin mit mir“. Darin erzählt sie von einer Süditalienreise und dass sie schon immer nach Italien hätte reisen wollen. Besonders das Wort „Syrakus“ übte seit der Kindheit einen Zauber auf sie aus: Seumes Buch gehörte einfach zum Nachttisch des Vaters, es war sein Lieblingsbuch. (Vgl. S. 225)

Verwendete Buchausgaben vom Suhrkamp Verlag 2000 und Insel Verlag 2012

D

Friedrich Christian Delius, 1995: Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass ein Spaziergang oder eine Wanderung in der Literatur nicht unbedingt zu Fuß erfolgt: Postkutsche, Pferd, Eisenbahn, Auto, Fahrrad, Schlitten - alles kommt vor. Ein Segelboot war aber schon noch eine Überraschung und dies führte auch zu Konsequenzen bei der Streckengestaltung: In diesem Fall lag der Start an der Ostsee. Im Sommer 1988 startete der Kellner und erfahrene Segler Paul Gompitz seine viermonatige Reise von Rostock über Dänemark nach Syrakus auf Sizilien, die - aus Zeitgründen - vorwiegend mit dem Zug erfolgt.

Die Briefe an seine doch sehr überraschte, allerdings vornehmlich verärgerte Ehefrau Helga bilden die Grundlage für die schöne und sehr unterhaltsame Schilderung der Reise, dabei auch der sehr persönlich geprägten Eindrücke des Reisenden. Paul Gompitz liebt Syrakus erst einmal etwas theoretisch als „über Jahrtausende überkommenes Hellas, Griechenland in seiner kulturellen Blüte …“ (S. 125). Doch als er in der für ihn unerträglichen Sommerhitze in den tiefen Gassenschluchten der Altstadt Schatten und Kühlung sucht und findet, fällt ihm vor allem auf, dass die „Häuser alle die Elektroinstallation auf der Außenseite haben“. Diese erscheine ihm zudem unsachgemäß verlegt und überhaupt führe dies zu einem oftmals bösen Aussehen an den Außenwänden. (S. 127) Seine anschließende Klettertour auf Hügel und Serpentinenstraße führt auf einen Berghang, wobei er seine Beobachtung schildert, dass ein „Bediensteter der Stadt“ den Unrat des Wochenendes zusammenkehrte und über den Serpentinenrand in die Felsen entsorgte. (Vgl. S. 129) Eine besondere Enttäuschung stellte für ihn aber dar, dass sein Vorbild Seume in Syrakus nach seinen Erkundigungen wohl völlig unbekannt ist.

Paul Gompitz bereute die Reise trotz verschiedener kleiner Abwege, Umwege, Festnahmen nicht: Wieder zurück zu Hause hat er schon Ideen für eine andere Tour, aber dann zusammen mit Ehefrau Helga.

Verwendete Buchausgabe im Rowohlt Verlag

 

D

Denis Diderot, 1761 - 1776: Rameaus Neffe

„Es mag schön oder häßlich Wetter sein, meine Gewohnheit bleibt auf jeden Fall um fünf Uhr abends im Palais Royal spazierenzugehen. Mich sieht man immer allein, nachdenklich auf der Bank d'Argenson. Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen Leichtfertigkeit. … Wenn es gar zu kalt oder regnerisch ist, flüchte ich mich in das Café de la Regence …“ (S. 175)

Doch einmal trifft er ungewollt auf einen unangenehmen Zeitgenossen, den Neffen von Rameau, den er gar nicht schätzt. Dieser Neffe spricht ihn an und sie kommen wohl oder übel ins Gespräch, das dann schon sehr lehrreich und ausführlich wird …

Aus dem Französischen übersetzt von J. W. Goethe, enthalten in: Diderot: Erzählungen und Gespräche. Verlag Dietrich

D

Alfred Döblin, 1932: Berlin Alexanderplatz

Im Berlin der Zwanziger Jahre wird bei Döblin noch ziemlich viel gelaufen, auch wenn es vor Droschen, Straßenbahnen und Autos schon wimmelt, so dass einem der Kopf schwirrt. Aber das hat auch Vorteile: Kaum aus dem Gefängnis Tegel in die kalte Stadt entlassen, werden Franz Biberkopf auf der Suche nach einem Unterschlupf die ersten Lehren erteilt: „Berlin ist groß. Wo tausend leben, wird noch einer leben.“ (S. 11) Zudem wird seine Stimme gelobt und als gute Verdienstquelle bewertet. Und schließlich wird ihm die Geschichte erzählt von einem Zannowich und dessen Sohn, wie diese aus nichts viel machten, und das nicht aus Klugheit. Denn „die Hauptsache am Menschen sind seine Augen und seine Füße. Man muß die Welt sehen können und zu ihr hingehn.“ (S. 18)

Hilft ihm diese Belehrung? Zumindest kehrt Franz Biberkopf nach jedem Malheur immer wieder nach Berlin zurück, auch wenn er sich manchmal durch die Straßen schleppt und vor dem Tode wegläuft. Er beschnüffelt Straßen, begafft Litfaßsäulen, „zieht durch die Straßen, er trabt seinen Trab und gibt nicht nach und will nichts weiter, als mal ordentlich zu Kraft kommen, stark in den Muskeln … „ (S.211). Er erobert Berlin also aufs Neue, erwandert die Stadt durch die Weinmeisterstraße, Rosenthaler Straße, den Alex, Münzstraße und kommt so auch wieder auf neue Gedanken …

Verwendete Ausgabe: dtv, 1965

D

Hedwig Dohm, 1894: Werde, die du bist

Gleichstellung der Frauen war Hedwig Dohms Lebensthema, seit 1872 trat sie auch publizistisch dafür ein. So schrieb sie die Erzählung von einer Frau, die mehr in der Welt unterwegs sein wollte, als üblich war. Und ihr Ehemann Eduard versprach es ihr.

In ihren späteren Aufzeichnungen schreibt sie dazu: „Bisher hatten wir nur ab und zu in der Nähe von Berlin auf vier Wochen eine Sommerfrische gehabt, in Misdroy oder im Harz, wohin wir regelmäßig das Dienstmädchen mitnahmen, um selbst zu wirtschaften. … Ich hatte immer doppelte Arbeit gehabt. Und wenn nachmittags Spaziergänge unternommen wurden, war ich schon müde und blieb am liebsten zu Haus. Und begleitete ich ab und zu die Meinigen, meine Gedanken blieben doch zurück, bei dem Dienstmädchen, bei dem Abendessen. Auch mußte ich mich anstrengen, mit den Andern Schritt zu halten.“

Nach dem Tod von Eduard jedoch begann sie weite Spaziergänge allein zu machen, im Tiergarten und hin zur Chaussee, die nach Wilmersdorf führt: „Dahin ging ich. Ja freies Feld! Auf der einen Seite grünlich graues Erdreich, mißfarbige Sandflecken, von kurzen Gräsern durchwachsen, ab und zu ein Büschel Kraut oder ein Kieferstrauch, in der Ferne eine Reihe dünner Bäumchen.“

Und sie entschied sich zu reisen. Die kleine Hausfrauenseele loswerden, einen Schimmer erhaschen von der großen Weltseele. Sie bezeichnet es als „ethische Wanderlust“.

„Ganz gewiß, nicht nur auf ferne Länder ist mein Sinn und Sehnen gerichtet, mehr noch, viel mehr auf ferne Gedanken, Gedanken in der Höhe. Ich sehne mich unaussprechlich nach Weisheit, nach reiner Vernunft, nach Erkenntnis. Alle Gedanken möchte ich denken, alle Gefühle fühlen. Und es ist ein Riegel vor meinem Hirn.“

Sie beginnt mit der Nordsee, dann geht es nach Florenz und später nach Capri. Und sie erlebt, wir ihr Kopf frei wird, die Brust weit in der herb kräftigen Luft.

Dass dies irgendwann ein Ende nehmen würde, ist ziemlich klar, aber zumindest sorgte diese Romanheldin bis dahin besser für sich, als es die Gesellschaft um die vorletzte Jahrhundertwende für Frauen vorgesehen hatte.

Enthalten in Gutenberg.spiegel.de

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Hilde Domin: Rückkehr

Können Füße schüchtern sein? Können sie sich wundern oder eben in Schuhen nicht wundern?

Die Wege bei Hilde Domin zumindest „feierten Wiedersehen mit meinen schüchternen Füßen“. (S.167) Denn Barfüßige hinterlassen keine Spur.

In „Gesammelte Gedichte“ im Fischer Verlag, 1987

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Wird fortgesetzt