Rezension aus dem Kritischen Literaturdienst Fußverkehr (Krit.Lit.Fuss), Ausgabe 3/1995

Ausgangslage

Die Erreichbarkeit von Innenstädten ist nach wie vor Gegenstand heftiger Diskussionen. Auf der einen Seite stehen Forderungen nach Verkehrsberuhigung in den Stadtzentren, auf der anderen Seite vielfach die Befürchtung, daß diese negative Auswirkungen auf den Einzelhandel haben. Unbestritten ist die hohe Bedeutung einer "guten" Erreichbarkeit für den Einzelhandel. Bei der Diskussion wird der Begriff der Erreichbarkeit jedoch nur ungenau verwendet. Oftmals wird Erreichbarkeit gleichgesetzt mit Auto-Erreichbarkeit und in diesem Zusammenhang auf die Frage nach ausreichender Stellplatzkapazität in zentraler Lage reduziert. Umfassender setzt sich die hier vorgestellte Arbeit mit dem Thema der Erreichbarkeit zu Fuss auseinander.

Inhalt

Die Arbeit unterscheidet grundsätzlich eine äußere und eine innere Erreichbarkeit. Unter der äußeren Erreichbarkeit wird die Verkehrserschließung des Zielgebietes vom Einzugsbereich aus verstanden, also z.B. die Fahrt von der Wohnung zur Innenstadt. Die innere Erreichbarkeit bezeichnet dagegen das Fortbewegen innerhalb des Zielgebietes mit dem Aufsuchen der einzelnen Ziele. Bei der inneren Erreichbarkeit handelt es sich um Wege, die meist zu Fuß zurückgelegt werden.

Die Bedeutung der inneren Erreichbarkeit wird von einer Vielzahl von Einflußfaktoren bestimmt. Diese lassen sich in besucherbezogene und umfeldbezogene Einflußfaktoren unterteilen. Zu den besucherbezogenen Einflußfaktoren gehören z.B. die Anzahl und Art der Aktivitäten, der Zweck des Aufenthaltes und die Aufenthaltsdauer. Umfeldbezogene Einflüsse auf die innere Erreichbarkeit sind die Qualität der Fußwegeinfrastruktur, die städtebauliche Attraktivität des Stadtzentrums sowie mögliche Störungen, z.B. durch den motorisierten Verkehr.

Als empirisches Fallbeispiel wurde die "Fußgängerfreundliche Innenstadt Aachen" ausgewählt, da diese als Maßnahmenbündel zur Verbesserung der inneren Erreichbarkeit angesehen werden kann. Es wurden in allen vier wichtigen Einkaufsbereichen der Aachener Innenstadt umfangreiche Passantenbefragungen durchgeführt. Befragt wurde am langen Samstag im Oktober 1992 sowie an einem Dienstleistungsdonnerstag und als Vertreter für einen "normalen" Wochentag an einem Freitag (jeweils im Oktober 1993). Die methodisch bedingte Untererfassung von Besuchern mit nur kurzer Aufenthaltsdauer wurde durch ein Gewichtungsverfahren ausgeglichen.

Für die äußere Erreichbarkeit ist vor allem entscheidend, woher der Innenstadtbesucher kommt. Am Samstag dominiert die Wohnung als Ausgangspunkt (92%). Am Donnerstag und Freitag spielt neben der Wohnung (59% bzw. 68%) der Arbeits- oder Ausbildungsplatz mit 35% bzw. 28% als Ausgangspunkt eine wichtige Rolle. Dies ist für die Gesamterreichbarkeit insofern wichtig, da sich viele Arbeits- und Ausbildungsplätze innerhalb des Zielgebietes befinden. Die meisten Besucher wohnen in Aachen (Samstag 60 %, Donnerstag 55 %, Freitag 71 %). Bei den Aachenern kommt an allen Tagen eine deutliche Mehrheit mit den Verkehrsmitteln des Umweltverbundes (Sa. 71%, Do. 70%, Fr. 80%). Die meisten von ihnen kommen zu Fuß (Sa. 35%, Do. 48%, Fr. 36%). Für die Besucher, die von außerhalb Aachens kommen, hat der Pkw einen höheren Stellenwert. Dennoch fahren innerhalb der Ballungsrandzone, mit einem guten ÖPNV-Angebot, am Samstag nur etwa die Hälfte mit dem Pkw und die andere Hälfte mit öffentlichen Verkehrsmitteln (einschließlich P+R) direkt in die Innenstadt.

Die Bedeutung der inneren Erreichbarkeit wird im wesentlichen von der Möglichkeit bestimmt, mehrere Tätigkeiten miteinander zu koppeln. An allen drei Erhebungstagen gibt jeweils nur jeder dritte Besucher nur eine Tätigkeit als Besuchsgrund an, im Durchschnitt dagegen jeder Besucher etwa zwei verschiedenartige Tätigkeiten. Als Hauptzeck dominiert der Einkauf. Dieser wird häufig mit Tätigkeiten wie Cafe- oder Resaurantbesuch oder Stadtbummel verbunden. Hinsichtlich der Freizeitkomponente beim Innenstadtaufenthalt gibt es kaum Unterschiede zwischen Samstag und dem Dienstleistungsdonnerstag. Der große Vorteil des Standortes Innenstadt liegt in der Möglichkeit, verschiedenartige Tätigkeiten miteinander zu koppeln, aber auch in der hohen Anzahl an Geschäften, die aufgesucht werden können. So werden am Samstag im Durchschnitt 5,5, am Donnerstag 4,6 und am Freitag 3,7 Geschäfte aufgesucht. Der größte Teil der Besucher hat ein sehr umfangreiches Erledigungsprogramm. Dieser Gruppe steht die nicht zu vernachlässigende Gruppe der Kurzbesucher gegenüber, die häufig nur ein oder zwei Geschäfte aufsuchen. Dies ist im Zusammenhang mit den zentrumsnahen Wohnstandorten und der Besuchshäufigkeit zu sehen. Die lange Aufenthaltdauer in der Aachener Innenstadt, selbst am Donnerstag und Freitag beim grössten Teil der Besucher rund Stunden, wirkt sich auf die Länge der Fußwege aus. An allen Tagen werden große Entfernungen zurückgelegt: am langen Samstag durchschnittlich 2400 m.

Die Besucher der Aachener Innenstadt bezeichnen ihren Fußweg in der Innenstadt als ´eher angenehm´ (Sa. 61%, Do. 65%, Fr. 68%) oder sogar als ´sehr angenehm´ (Sa. 27%, Do. 29%, Fr. 24%), unabhängig von der Länge des zurückgelegten Weges. Längere Fußwege werden von den Besuchern nicht als lästige Begleiterscheinung für die Abwicklung eines Erledigungsprogrammes gesehen. Trotz der insgesamt positiven Bewertung gibt jeder vierte Besucher an, daß er sich im Zielgebiet von Verkehr gestört fühlt. Am Samstag überraschenderweise jedoch vor allem von zu viel Fußgängerverkehr. Die Besucher stehen der Aachener "Fußgängerfreundlichen Innenstadt" überwiegend positiv gegenüber. Allerdings sind am Donnerstag und Freitag mit 24% bzw. 17% die Ablehner der "Fußgängerfreundlichen Innenstadt" bei den Pkw-Benutzern deutlich höher. Für die Mehrheit der Besucher (Sa. 79%, Do. 74%, Fr. 77%) hat die "Fußgängerfreundliche Innenstadt" keine Auswirkungen auf die Besuchshäufigkeit.

Bewertung

Die Arbeit bietet ein umfangreiches Datenmaterial zur Mobilität in Innenstädten, unter besonderer Berücksichtigung des Fussgängerverkehrs. Die Daten werden übersichtlich und schlüssig aufbereitet; es werden Empfehlungen für weitere wissenschaftliche Untersuchungen sowie für die Planungspraxis gegeben. Durch die Wahl des Fallbeispiels wird ein aktueller Bezug zur Diskussion um autoreduzierte Innenstädte und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Mobilität der Innenstadtbesucher hergestellt.

 

Titel:

Erreichbarkeit innerstädtischer Einzelhandels- und Dienstleistungsbereiche - untersucht am Beispiel der "Fußgängerfreundlichen Innenststadt Aachen".

Verfasser:

Dipl.-Geograph Michael Brockelt, Heilbronn

Herausgeber:

Arbeitsmaterialien zur Raumordnung und Raumplanung der Universität Bayreuth (voraussichtlich April 1995)

Bezug:

Universität Bayreuth, Abteilung Angewandte Stadtgeographie, 95440 Bayreuth, Tel. 0921/552271, Preis: ca. 20 DEM

 

Impressum:

Erstveröffentlichung dieses Beitrages im InformationsDienstVerkehr IDV, März 1995. Der Kritische Literaturdienst Fußverkehr Krit.Lit.Fuss erscheint seit 1992 als Beilage des InformationsDienstes Verkehr IDV und nach der Namensumbenennung ab dem Jahr 2002 vierteljährlich in der mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik & Bewegung.

Autor dieser Ausgabe: Helmut Schad.

Herausgeber: FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland, Exerzierstraße 20, 13357 Berlin, Tel. 030/492 74 73, Fax 030/492 79 72, eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.fuss-eV.de

Möchten Sie, dass eine aktuelle Fachliteratur mit einem deutlichen Fußverkehrs-Bezug im Kritischen Literaturdienst Fußverkehr besprochen wird, nehmen Sie bitte mit FUSS e.V. Kontakt auf.