Home arrow Presse arrow 2005-03: 20 Jahre FUSS e.V. - Eine Geschichte mit Zukunft
2005-03: 20 Jahre FUSS e.V. - Eine Geschichte mit Zukunft Drucken E-Mail
Der im Februar 1985 gegründete FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland ist weniger bekannt als andere Verkehrs- und Umweltverbände, er betreibt nur geringfügig Mitgliederwerbung und kann keine Serviceleistungen als Lockangebote bieten. Im ehrenamtlichen Bundesvorstand, im Rahmen von Projekten, in Fachausschüssen und Ortsgruppen wird sachbezogen gearbeitet, um "das Gehen für die Fußgänger sicherer, gesünder, angenehmer und attraktiver" zu machen, so das unveränderte Leitbild. Vor 20 Jahren gab es in Deutschland fast niemanden, der sich für die Belange des Fußverkehrs einsetzte. Wenn im Verlaufe der zwei Jahrzehnte positive Veränderungen erreicht werden konnten, so war das selten einzig und allein der Erfolg des FUSS e.V., aber ohne ihn wäre es auch nicht gelaufen.

Fußverkehrsförderung auf dem Weg

Die folgenden fünf Beispiele zeigen Entwicklungen und auch Grenzen der Fußverkehrsförderung: Die Breite von Gehwegen war eines der Probleme, die zur Gründung des bundesweit tätigen Fußgängerschutzvereines geführt haben. In den 60er Jahren wurde einem Fußgänger laut Richtlinie eine Breite von 55 Zentimetern (bitte mal gehend am eigenen Körper messen) plus 20 cm als Bewegungsraum zugebilligt. Daraus ergab sich eine Mindestbreite für Gehwege von 1,50 Metern – und damit viel zu oft der Normalfall. Dabei blieb es annähernd 40 Jahre lang, bis dann endlich im Jahre 2002 von der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen FGSV die "Empfehlungen für Fußverkehrsanlagen EFA" herausgebracht wurden und seither Fußwege 2,50 Meter und mehr breit sein müssen. FUSS e.V. war daran maßgeblich beteiligt und begrüßte diese Richtlinie mit der Pressemitteilung "Mehr Dynamik beim Gehen erlaubt." Im Zusammenhang mit der ersten Mitgliederversammlung im Mai 1985 wurde in Kassel das "Tunnel-Labyrinth" besichtigt und kritisiert. Fußgänger zu nötigen, Straßen unterirdisch zu queren, wurde damals bundesweit als eine wirksame Maßnahme gegen Verkehrsunfälle und vor allem für die Aufrechterhaltung des fließenden Verkehr angesehen. Da war Kassel nur die Spitze des Eisberges und bezeichnete sich in der Werbung als besonders "fußgängerfreundliche Stadt". Heute gehört der "Tunnelrückbau" längst zu den Maßnahmen der notwendigen Fußverkehrsförderung. Im Oktober 1987 startete der FUSS e.V. mit seiner Aktion "Der tägliche Fußgängerdreikampf: Warten - Sprinten - Seitensprung." eine bundesweite Kampagne für fußgängerfreundlichere Ampeln. 1992 wurden die "konfliktfreie Ampel", "Rundumgrün" und sogar die "Diagonalquerung" in die Richtlinien für Lichtsignalanlagen RiLSA aufgenommen. Es hat dann allerdings bis zum Jahre 2000 gedauert, bis die erste Diagonalquerung in Deutschland eingeführt wurde, und bei dieser einen blieb es bisher. Schneller ging es mit der Einführung des Grünen Pfeils an Ampeln. Als der FUSS e.V. 1992 das Thema aufgriff, wurde er von US-amerikanischen Fachleuten unterstützt und von einigen deutschen Fachleuten gewarnt, sich nicht zu "verrennen". Man ging davon aus, dass sich dieser verkehrspolitische Unsinn in wenigen Monaten von selbst erledigen würde und konnte sich nicht vorstellen, dass man gleichzeitig die konfliktfreie Ampel einführen und am Grünen Pfeil festhalten könnte. 1994 wurde dann der Grünpfeil Bestandteil der StVO, obwohl seine Sicherheitsprobleme bekannt waren. Erst 2003 wurde darauf in der RilSA mit einer weiteren Beschränkung seiner Einsatzgebiete reagiert. 1994 meldete der FUSS e.V.: "Zebrastreifen wird in diesem Jahr 30 Jahre alt - Fußgängerschutzverein fordert mehr und bessere Fußgängerüberwege!" und stand damit noch ziemlich allein. Zehn Jahre später aber haben wissenschaftliche Untersuchungen die Aussagen des Vereins allesamt bestätigt. Im Jahr 2001 wurden die Einsatzgebiete für Fußgängerüberwege durch eine neue Richtlinie des Bundesverkehrsministeriums erweitert und in einigen deutschen Städten kann mittlerweile von einer Renaissance der Zebrastreifen gesprochen werden. Fast alle sind Fußgänger. FUSS e.V. hat sich stets dafür eingesetzt, die Belange aller Fußgängergruppen gleichermaßen erst zu nehmen und in die Stadt- und Verkehrsplanung einzubinden. Dennoch widmete er den Kindern stets besondere Aufmerksamkeit, von der Broschüre "Verkehrte Kinder?" (1985) bis hin zur nationalen Koordination "Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten". Für diese bundesweite Aktion - eingebunden in die weltweite Kampagne "I walk to school" - haben das Verkehrs- und das Umweltministerium die Schirmherrschaft übernommen. Der Verband hat in den Jahren 2002 bis 2004 etwa eine halbe Million Lehrkräfte, Erzieher und Eltern direkt mit Informationen versorgt. FUSS e.V. ist aber auch die einzige Organisation, die sich kontinuierlich mit den besonderen Problemen von älteren Menschen beschäftigt und im "Internationalen Jahr der Senioren" 1999 mit seiner Position "Angst ist ein schlechter Wegbegleiter" autoorientierte Seniorenfunktionäre zumindest ein wenig irritieren konnte: Der FUSS e.V. empfahl den älteren Menschen, selbstbewusst und sichtbar Wege zu Fuß zurückzulegen, dabei mobil, aktiv und gesund zu bleiben und durch Präsenz auf Gehwegen, Plätzen und beim Überqueren von Straßen die Sicherheit älterer Menschen zu verbessern. Beim Thema Radfahren auf Gehwegflächen war und ist der FUSS e.V. stets um konstruktiven Konfliktabbau bemüht. Die Aktivitäten reichen von Presseerklärungen wie z.B. "Drei Mal klingeln zwecklos" mit der Bitte, gegebenenfalls abzusteigen, bis hin zu den Fachstellungnahmen "Wanderwege sind keine Radfernwege" oder der "Empfehlung: Spazierwege und Fahrradnutzung". Das ist der Arbeitsbereich des FUSS e.V., wo es ab und zu emotionalisierte Konflikte gibt – mit Fahrradbefürwortern, die den Fahrradverkehr notfalls auch auf Kosten des Fußverkehrs fördern möchten. Aber: Die unverhältnismäßig häufige Benutzung von Motorfahrzeugen und die unangemessen hohen Geschwindigkeiten sind nach wie vor das Hauptproblem für die Fußgänger. Auch der FUSS e.V. hat kein Erfolgsrezept gegen die Autoorientiertheit unserer Gesellschaft. Seine Aktivitäten haben sich aber in diesem Bereich verlagert von Aktionen zu den Autoausstellungen (AAA Berlin, IAA Frankfurt) oder der Internationalen Tourismusmesse (ITB) hin zur Einbeziehung von Lebensstilen und der direkten Ansprache von Menschen, die einen Grund dafür haben, sich mit der Autoorientiertheit auseinander zu setzen: Eltern – denn Kinder sind besonders gesundheits- und unfallgefährdet – und die natursuchenden Ausflügler und Touristen. Da der Freizeitverkehr mittlerweile etwa die Hälfte des gesamten Verkehrsaufkommens in Deutschland ausmacht, ist das Thema Wandern als Freizeitbeschäftigung Nr. 1 und die damit zusammenhängende Autobenutzung verkehrs- und umweltpolitisch relevant. FUSS e.V. unterstützt ausschließlich Rundwanderwege an Bahnhöfen und Haltestellen oder Streckenwanderwege von einem zu einem anderen Bahnhof - bei denen sich die Frage nach der Autonutzung von selbst erledigt, denn das Auto würde am Schluss der Wanderung an der falschen Stelle stehen. Lobby für das Gehen. FUSS e.V. ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil der Lobby für einen menschen- und umweltgerechten Verkehr in Stadt und Land. Fußgänger werden nicht mehr ausschließlich als Unfallopfer wahrgenommen und man kann heute sehr wohl davon sprechen, dass das Alltags- und Freizeit-Gehen "best practices" für die Gesundheits-Prävention sind. FUSS e.V. ist Mitglied in der "Plattform Ernährung und Bewegung" und die Aussagen "Gehen bewegt Dich" und "Gehen macht Spaß" sind alltagstauglich und werden verstanden. Aktivitäten wie z.B. das Fußgängersorgentelefon, Ampelrennen, der Wettbewerb "Sichere Stadt" oder der legendäre Aufkleber "Parke nicht auf unseren Wegen" sind mit der Geschichte des FUSS e.V. genauso verbunden wie die Mitarbeit in regionalen, nationalen und internationalen Organisationen und Gremien, die Veröffentlichung von Fachstellungnahmen oder die Beschäftigung mit der Lärmminderung, Luftreinhaltung und dem Klimaschutz. Der Verband hat ganz maßgeblich daran mitgewirkt, dass Fußverkehr und Gehen in der Städtebau- und der Gesundheits-Diskussion stärker berücksichtigt werden. Die jetzt in Gang gesetzte Präventionspolitik der Bundesregierung kann letztlich nicht an der Bedeutung des Gehens im Alltag und in der Freizeit vorbeigehen. Auch werden die europäische Gesetzgebung und deren bundesdeutsche Umsetzung zur Luftreinhaltung und Lärmminderung in Städten nur unter Berücksichtigung des Fußverkehrs die gewünschten Ergebnisse erbringen. Das Gehen wird weiterhin an Bedeutung gewinnen. Gehen ist kein Problem - sondern die Lösung. Unter diesem Motto stand die Stellungnahme des FUSS e.V. zur 1. WALK 21-Konferenz im Jahr 2000 in London. Wenn diese Aussage zwanzig Jahre nach der Gründung des FUSS e.V. in unserer Gesellschaft weitgehend als richtig angesehen wird, dann waren die Energien sinnvoll eingesetzt. FUSS e.V. hat das Ziel, dass in den kommenden zwanzig Jahren die Lösungen auch umgesetzt werden. Dafür benötigen wir Ihre fachliche Kompetenz, Ihre Möglichkeiten, Ihre Kontakte und Ihre Ideen. Manfred Bernard und Bernd Herzog-Schlagk Die Autoren haben den FUSS e.V. mitgegründet und sind seither in der Vorstandsarbeit aktiv. Gehen ist kein Problem - sondern die Lösung. Der FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland besteht seit zwanzig Jahren und hat sehr aktiv daran mitgewirkt, dass der Fußverkehr und überhaupt das Gehen wieder ernst genommen werden. Aber die meisten deutschen Städte bieten den Fußgängern und Spaziergängern keineswegs sichere und komfortable Bedingungen. Deshalb bittet der Verband um aktive Mitarbeit in Fachausschüssen oder in bundesweiten bzw. regionalen Projekten. Ausführliche Informationen zum Stadtverkehr, aber auch zum Wandern in Verbindung mit Bus und Bahn, finden Sie im Internet unter www.fuss-ev.de oder werden Ihnen zugeschickt: FUSS e.V., Exerzierstraße 20, 13 357 Berlin, Tel. 030 / 4927473, Fax 4927972, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
 
< zurück   weiter >